Abschreibungs-Dilemma

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Michael Fabricius

Berlin - Auf die Lebensversicherungen kommt eine enorme Doppel-Belastung zu. Wenn die Aktienmärkte sich bis zum Jahresende nicht deutlich erholen, entsteht in den Bilanzen der Versicherer ein enormer Wertberichtigungsbedarf. Und gleichzeitig lauern im Anlagevermögen vieler Assekuranzen noch Abschreibungen vom vergangenen Jahr. «Die Bilanzen der Versicherungsbranche werden dadurch doppelt hart getroffen», so Arne Jockusch, Analyst bei Merck Finck.

Die fälligen Abschreibungen werden wohl eine neue Absenkungs-Runde bei den Gewinnbeteiligungen einläuten, erwartet Branchenexperte Manfred Poweleit vom Branchendienst «Map Report». Er schätzt den zusätzlichen Abschreibungsbedarf in diesem Jahr auf zehn Prozent der Buchwerte. Hinzu kämen zurückgestellte Abschreibungen aus dem vergangenen Jahr von insgesamt 2,53 Mrd. Euro. Die Nettorendite in der Gewinn- und Verlust-Rechnung sinke allein dadurch schon von durchschnittlich 6,15 auf 5,7 Prozent.

Einige Versicherer würden mit der neuen Belastung aus diesem Jahr nun nicht mehr genügend Geld erwirtschaften, um etwas für die Versicherungspolicen zurückzulegen. «Die Zuführung in die ungebundenen Rückstellungen ist bereits bei einigen auf Null gesunken», so Poweleit. Aus ihnen werden die Policen bedient.

Das Abschreibungs-Dilemma wurde ungewollt durch den Paragrafen 341b HGB hervorgerufen, den die Bundesregierung nach den Terroranschlägen im vergangenen Jahr als Schutz vor kurzfristig fallenden Märkten eingeführt hat. Dieses Gesetz erlaubt es den Versicherern, Wertpapierbestände in das Anlagevermögen zu verschieben. Das Anlagevermögen indes muss nur bei «dauerhafter» Wertminderung auf den aktuellen Marktwert abgeschrieben werden.

Mittlerweile hat sich der Dax aber unter der 3900-Punkte-Marke festgesetzt, und der Jahres-Endstand von 2001 bei 5100 Punkten liegt in weiter Ferne. Die Versicherer geraten unter Zugzwang: Entweder mit Verlust verkaufen oder abschreiben. KPMG-Partner Rainer Husch hält beispielsweise einen Verlust von mehr als 20 Prozent vom Buchwert in einer Zeitspanne von sechs Monaten vor dem Bilanzstichtag für ein Kriterium. Ausschlaggebend könnten aber auch der Substanzverlust finanzieller Schwierigkeiten oder drohende Insolvenz des Emittenten sein.

Einige Assekuranzen haben von dem so genannten Armutsparagrafen 341b in der Hoffnung auf steigende Märkte im Jahr 2002 intensiv Gebrauch gemacht, so die Bayerische Beamtenversicherung, die Abschreibungen von 292 Mio. Euro in den Büchern stehen hat - laut Map Report mehr als das vierfache des Eigenkapitals. Bei 270 Mio. Euro Nettoertrag aus Kapitalanlagen liege die erwirtschaftete Rendite damit bei minus 0,44 Prozent.

Selbst die Renditen größerer Gesellschaften reichen der Ratingagentur Assekurata zufolge nicht aus, um die versprochenen Gewinnbeteiligungen zu erzielen. Die Experten errechneten beispielsweise für die Allianz einen Sollzins von 7,16 Prozent für 2002. Das heißt, bei einer Kapitallebensversicherung für einen 30-jährigen Mann müsste der Branchenführer 7,16 Prozent in der Gewinn- und Verlustrechnung erwirtschaften, um die für diesese Jahr versprochene Überschussbeteiligung von 6,07 Prozent zu erzielen. «Ein Vergleich mit dem Zins für zehnjährige Staatsanleihen von 4,7 Prozent zeigt, wie hoffnungsfroh das ist», so die Experten.

Unterstelle man eine Aktienquote von 30 Prozent im Portfolio und eine fünfprozentige Verzinsung der übrigen Anlagen, müssten die Aktien mehr als zwölf Prozent zulegen, um die rund sieben Prozent Rendite zu erwirtschaften.