Bankrott

Ohne Vertrauen überlebt keine Bank

"Bank run" nennen die Amerikaner und Engländer die größte Katastrophe, die ein Kreditinstitut treffen kann. Eindrucksvoll erlebte Europa das Anfang des Jahres. Plötzlich standen vor den Türen der britischen Northern Rock die Kunden und wollten ihr Geld abheben.

- Die Engländer hatten Angst, dass das Haus über Nacht pleitegehen könnte und dann ihr Erspartes auf einen Schlag verloren wäre.

Selbst wenn eine Bank bis dahin keine Probleme hat, treibt sie das in den Ruin. Kein Geldhaus der Welt wäre in der Lage, alle Einlagen, die meist langfristig investiert sind, auf einen Schlag auszuzahlen. Northern Rock musste verstaatlicht werden.

Bei Washington Mutual war es ähnlich. Kar Chin aus dem Osten von Los Angeles etwa erzählte der Zeitung "L.A. Times", warum er sein Konto auflöste. Immerhin 20 000 Dollar (13 660 Euro) hob er auf einen Schlag ab, und das, obwohl er wusste, dass das Geld innerhalb jenes Limits war, das die amerikanische Notenbank Fed im Insolvenzfall abdeckt. Es war ihm egal. Freunde hatten ihm geraten, das Konto zu kündigen. Im Fall der Fälle käme er möglicherweise eine ganze Zeit lang nicht an sein Geld heran, so die Angst. Jetzt hat er sein Konto bei der Konkurrenz von Wells Fargo.

Eine halbe Stunde hatte Kar Chin in der Schlange vor der Filiale von Washington Mutual warten müssen. So wie er hatten viele ihr Vertrauen in die größte amerikanische Sparkasse verloren.

Vertrauen, das ist alles, worum es sich im Geschäft mit Geld dreht. "Das Vertrauen ist für eine Bank die zentrale Frage", sagt Manfred Weber, Bankprofessor an der Universität Mannheim. "Jede Bank geht unter, wenn sie kein Vertrauen mehr genießt." Die vergangenen Wochen zeigten das deutlich. Dabei ist es völlig egal, ob es sich um Investmentbanken handelt oder eben um die ganz normalen Institute mit ihren vielen Privat- und Geschäftskunden. Ist das Vertrauen weg, muss die Bank die Türen schließen.

Lehman Brothers war so ein Fall. Kein anderes Geldhaus wollte mit der US-Investmentbank noch Geschäfte machen, keiner ihr Geld borgen, egal welchen Zins sie zu zahlen bereit war. Jeder fürchtete, dass er sein Kapital nicht zurückerhalten würde. Am Ende musste Lehman Insolvenz anmelden.

Es ist wie eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt. Wenn die Kunden glauben, es ist vorbei, dann ist es auch vorbei mit der Bank. Anders als von vielen Kapitalismuskritikern behauptet, trifft dieses Phänomen eben nicht nur die Zocker der Investmentbanken. Es ist wie ein Naturgesetz der Geldbranche. "Die Studenten lernen schon in der sechsten Bankvorlesung, dass jede Bank in große Schwierigkeiten kommt, wenn plötzlich viele Sparer ihre Einlagen abziehen", sagt Bankprofessor Weber. "Wenn Banken in Schwierigkeiten waren, haben sie auch schon mal besonders viele Scheine in die Kasse gelegt." Kunden sollen sehen, dass Geld da ist.

Washington Mutual nützten solche Tricks nichts mehr, wie die Ereignisse zeigten. Die Bank ging in die Knie, nachdem die Anleger dort ihre Sparbücher und Girokonten auflösten.

Die US-Kreditkrise startete mit dem Debakel am US-Immobilienmarkt. Amerikanische Hauskäufer können ihre Darlehen nicht mehr zurückzahlen. Weil viele deshalb verkaufen müssen, brechen die Preise für die Häuser ein. Damit aber haben jene Banken Abschreibungsbedarf, die die Kredite an die Hauskäufer vergaben. Washington Mutual war einer der großen Spieler im Markt.