Alles nur Fassade

Berlin - Die Arbeiterklasse war wieder auf die Straße gegangen, geordnet und nach gewohntem Ritual wie an jedem 1. Mai in der DDR. Scheinbar endlose Kolonnen zogen die Karl-Marx-Allee entlang, Marschschritte dröhnten, Fähnchen flatterten. An der Paradestrecke steht 1988 auch Carsten Wannemüller, vom VEB Kunstschmiede Weißensee abgeordnet zum applaudieren. Der 16-Jährige hat sich am Haus des Lehrers postiert, in der Hand ein Winkelement, im Kopf nur einen Gedanken: "Wie komme ich hier fort." Weg von diesen Massen und diesem Hochhaus, das der Lehrling damals als abweisend und autoritär empfindet.

14 Jahre später zieht es Wannemüller immer wieder zum Haus des Lehrers. Seine Firma Steelwork hat den Auftrag erhalten, die Fassade zu erneuern. Eineinhalb Jahre wurde daran gearbeitet, in diesen Tagen ist das Prestigeprojekt abgeschlossen. Es war ein gutes Jahr für Wannemüller, sein Fassaden- und Metallbau-Unternehmen hat wieder mal ein wichtiges Referenzprojekt erfolgreich beendet, der Branchenkrise erneut getrotzt und die Weichen für eine weitere Expansion gestellt. Und dann gab es 2003 den "Oskar für den Mittelstand", der diesmal nur vier Berliner Betrieben verliehen wurde.

Steelwork entstand vor zehn Jahren als klassisches Start-Up-Unternehmen. Wannemüller, der zur Wendezeit gerade seine Lehre beendet hatte, wollte "keine Sekunde länger warten, etwas Eigenes anzupacken, Verantwortung zu übernehmen". Als Drei-Mann-Betrieb begann Steelwork, an der Spitze stand ein 21-jähriger Chef, der sich kaufmännische Kenntnisse erst noch im Selbststudium beibringen musste. Inzwischen hat der gelernte Kunstschmied Wannemüller den Blaumann mit dem blauen Einreiher vertauscht, beschäftigt 40 Mitarbeiter und erzielte in diesem Jahr einen Umsatz von rund 6,5 Mio. Euro. Und während die Berliner Fassaden- und Metallbauer mit dem Abflauen des Baubooms in eine Branchenkrise ohne Beispiel geschlittert sind, die immer neue Insolvenzen zur Folge hat, plant der Steelwork-Chef für 2004 eine Umsatzsteigerung von rund zehn Prozent und eine Verstärkung der Belegschaft auf 50 Mitarbeiter.

"Langsam wachsen, aber stetig" lautet Wannemüllers Motto, und er hält sich dran. "Wir verzetteln uns nicht, drei bis vier Projekte pro Jahr sind genug. Ideal sind Aufträge mit einem Volumen von einer bis zu acht Mio. Euro", sagt der Firmenchef. "So sind wir konstant gewachsen, haben immer schwarze Zahlen geschrieben." Für die Zukunft ist der Firmenchef optimistisch: "Unser Geschäftsfeld wird immer wichtiger. Der architektonische Wert der Gebäudehülle steigt, entsprechend mehr wird dafür ausgegeben. Und wir machen diese Hüllen - maßgeschneidert praktisch."

Den bisher größten Auftrag erhielt das Berliner Unternehmen ausgerechnet aus Hamburg, die Gestaltung der Fassade des Deichtor Centers - Volumen 7,5 Mio. Euro, abgeschlossen im vergangenen Jahr. Doch Hauptoperationsgebiet bleibt Berlin, und ein wenig hat Wannemüller das Gesicht der Bundeshauptstadt schon mitgeprägt: An den Arbeiten für die Botschaften Brasiliens und Australiens war Steelwork beteiligt, an den Borsigturm-Hallen, dem Bundespresseamt sowie dem Sony-Center. Aktuelles Projekt ist die Kanadische Botschaft, 2004 wird sie fertig.

Alles nur Fassaden, die Wannemüller in den Auftragsbüchern hat, doch der gebürtige Biesdorfer kann von Gebäudefronten schwärmen: "Die Front des Sony Centers, diese Kreativität im technische Detail und die intelligenten technischen Lösungen . . .", rühmt er sein Lieblingsobjekt. Darüber kann man Rückschläge wie die Pleite mit Cargo-Lifter, für deren Halle Steelwork Details lieferte, wegstecken.