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Die Mutter von Vileda

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Vom Wachenberg hat man den besten Blick auf Weinheim. Von dem Gipfel, auf dem sich die Wachenburg aus dem Jahr 1907 erhebt, erkennt man mühelos Werksgelände von Freudenberg.

Fast ein Quadratkilometer Werkshallen, Labors und Verwaltungsgebäude. Der Wachenberg ist die höchste Erhebung am Ort. Die Weinheimer sagen aber mit einer Mischung aus Ironie und Respekt: "Der höchste Berg hier, das ist "der Freudenberg".

"Der Freudenberg", heißt es in Weinheim, wenn der örtliche Weltkonzern gemeint ist. Vor 159 Jahren als Gerberei gegründet, ist Freudenberg heute einer der erfolgreichsten Mischkonzerne in Deutschland. Das Produktangebot reicht von Dichtungsringen bis zu Mikro-Elektronik. Der Konzern hat eine berühmte Tochter: Die Putzmittelmarke "Vileda". Sonst kennt kaum einer die Produkte. Über 40 Prozent des Umsatzes macht die Firma als Zulieferer für Autohersteller. 33 000 Mitarbeiter hat das Familienunternehmen, 200 Niederlassungen in 53 Ländern, auch zwei in Berlin. Aber die Zentrale des Weltkonzerns steht in dem lauschigen Ort an der Bergstraße.

Hauseigener Weinberg

"Weinheim ist ein tolles Aushängeschild für das Unternehmen", sagt Martin Stark. Immer wenn ausländische Kunden hier herkommen, könnten sie sofort verstehen, was ein verwurzeltes Familienunternehmen von einer vagabundierenden Aktiengesellschaft unterscheidet. Stark ist einer von vier Chefs bei Freudenberg. Er steht an diesem Sommerabend mit aufgekrempelten Ärmeln auf der Terrasse des Hermannshofs, trinkt Spätburgunder vom betriebseigenen Weinberg und schaut in den Sonnenuntergang. Früher war die Gründerzeit-Villa eines der Wohnhäuser der Familie Freudenberg, heute empfängt das Unternehmen hier seine Gäste und Geschäftspartner. Der prächtige Park mit seinen botanischen Sichtungsgärten ist ein beliebtes Touristenziel.

Martin Stark, gebürtiger Stuttgarter, kann lange schwärmen von dem Städtchen und seiner Lebensqualität. Wie alle Mitglieder der Geschäftsleitung lebt er hier. Das ist in seinem Vertrag so festgelegt. Freudenberg engagiert sich vor Ort in Schulen und der Jugendarbeit, und der Technologiepark auf dem Freudenberg-Gelände wird neue Arbeitsplätze schaffen und den Standort attraktiver machen. Doch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bindungen zwischen dem Städtchen und dem Weltkonzern in den letzten Jahren loser geworden sind.

Zu Spitzenzeiten vor mehr als zwanzig Jahren, da waren "beim Freudenberg" in Weinheim 14 000 Menschen beschäftigt. Bis nach dem Krieg liefen die Arbeiter aus den Dörfern im Odenwald täglich kilometerweit zu ihrem Arbeitsplatz. Eine eigene Bahnlinie brachte die Mitarbeiter später aus dem Weschnitztal täglich ins Werk.

Lizenz nach Polen verkauft

Der letzte Gerber-Betrieb von Freudenberg wurde 2002 geschlossen und die Anlagen und Rezepte zum Ledergerben nach Polen verkauft. Heute erinnert nur noch ein Denkmal auf dem Werksgelände an die Anfänge beim Freudenberg. Die meisten Produktionsbetriebe sind ins Ausland verlagert, Vileda-Wischmopps etwa werden zwar noch in Weinheim konstruiert, aber produziert werden sie in Asien. Heute gibt es hier noch 6500 Arbeitsplätze und viele gehören zu Fremdfirmen.

"Der Stellenabbau war ein schleichender Prozess der letzten 20 Jahre", sagt Heiner Bernhard. Er ist seit sechs Jahren Oberbürgermeister in Weinheim. Um sein Amtszimmer im historischen Rathaus würden ihn viele Bürgermeisterkollegen beneiden. Die Wände sind mit grünen Seidentapeten bespannt, in der Ecke steht ein gusseiserner Kamin. Bernhard wirkt ein wenig fremd in dem Ambiente. Er trägt Dreitagebart und Jeans.

Er ist im Stadtviertel Müll aufgewachsen, wo früher das große Vileda-Werk stand. Er kann sich erinnern, wie sein Nachbar, Betriebsrat und Kommunist, dem Unternehmens-Chef Richard Freudenberg in der Kneipe aushelfen musste, weil der Boss kein eigenes Geld dabei hatte. Damals waren Freudenberg und Weinheim noch eins.

"Diese angeblich so guten alten Zeiten sind heute vorbei", sagt Bernhard. Er sagt das ohne Bedauern. Weinheim ist eine wohlhabende Stadt mit einer gesunden mittelständischen Struktur. Die Arbeitslosenquote liegt bei 3,9 Prozent, ein Traumwert. Er könne verstehen, dass ein Unternehmen zuerst schauen müsse, dass es wettbewerbsfähig bleibe, sagt Bernhard. Das gelte ja auch für städtische Betriebe und Verwaltung.

Der Bürgermeister protestiert

Nur als Freudenberg im letzten Jahr die NORA, den traditionelle Hersteller für Bodenbeläge zum Verkauf anbot, solidarisierte sich der Bürgermeister dann doch mit den protestierenden Mitarbeitern. "Ich habe später gehört, die Unternehmensleitung war von meinem Auftritt not amused."

Mit der sinkenden Bedeutung von Freudenberg als Arbeitgeber, sinkt aber auch die Abhängigkeit der Stadt vom Konzern. Einer seiner Vorgänger erzählt Bernhard, musste sich noch jeden Sonntag mit dem Freudenberg-Chef treffen, um Ratschläge entgegen zu nehmen. Das waren die Zeiten, in denen die Unternehmensführung von Freudenberg auch verhinderte, dass Opel ein Werk hier baute. Der Autobauer ging nach Rüsselsheim.

Die letzte Großchance wurde Mitte der 70er-Jahre verschenkt. Fünf Männer trafen sich zu dieser Zeit im Restaurant "La Cantina" am Marktplatz. Alberto Ferrarese, der Wirt mit dem beeindruckenden Schnauzbart, erinnert sich noch gut an das Treffen. Da saßen die Herren Plattner, Hopp, Hector und Tschirra, tafelten ausgiebig und planten dabei eine Firma für Softwarelösungen: SAP. Die Firma hätte wohl gerne in Weinheim gebaut, fand aber kein passendes Grundstück. Auch da, heißt es, habe Freudenberg nicht recht helfen wollen.

So bleibt der Vileda-Konzern der größte Arbeitgeber am Ort. Mit Abstand. Gerade hat der Nudelhersteller "Drei Glocken" nach der Fusion mit Birkel sein Werk in Weinheim geschlossen. Wer heute nicht "beim Freudenberg schafft", steht bei der "Naturin", Weltmarktführer für Wurstpellen, am Band oder arbeitet bei Kukident oder der Zentrale des Logistikunternehmens Trans-O-Flex. Dazu kommen einige Mittelständler mit hoch qualifizierten Arbeitsplätzen. "Wir haben eine gesunde Wirtschaftsstruktur", sagt Manfred Müller-Jehle, der städtische Wirtschaftsförderer.

Mit dem Technologiepark auf dem Werksgelände von Freudenberg sollen jetzt neue Arbeitsplätze in die Stadt geholt werden. Auch die Zentrale von Vileda kommt dann wieder nach Weinheim. "Da bemüht sich der Freudenberg um den Standort", lobt Gesamtbetriebsrat Bernd Egner, das seien die feinen Unterschiede zu anderen Unternehmen. Ansonsten sei das Gefühl in einem Familienunternehmen zu arbeiten, in den letzten Jahren doch ein wenig verloren gegangen, findet der Gewerkschafter.

Seit Ende der 90-er ist kein Freudenberg mehr in der Unternehmensleitung, seit 2002 auch kein angeheiratetes Familienmitglied. Dabei ist das Unternehmen noch immer fest in Familienhand. Alle Anteile sind unter den derzeit etwa 200 Gesellschaftern aufgeteilt.

Auch Ferrarese schweigt

Einmal im Jahr kommen sie aus aller Welt zusammen und treffen sich in Weinheim zur Gesellschafterversammlung. Es muss eine Mischung aus Familientreffen und Hauptversammlung sein. Viel mehr ist darüber nicht zu erfahren. Im Unternehmen ist zwar eine ganze Abteilung mit der Betreuung der Familiengesellschafter beschäftigt, doch über den Ablauf der jährlichen Versammlung gibt sie keine Auskunft.

Wenn man den Bürgermeister fragt, wie viel Weinheim von dem jährlichen Freudenberg-Treffen mitbekommt, malt er mit dem Zeigefinger eine große Null in die Luft. Da kommen keine Luxusautos und auch von grellen Partys ist nichts bekannt. Nur "Cantina"-Wirt Ferrarese registriert dann den erhöhten Freudenberg-Anteil unter seinen Gästen. Aber was das angeht, ist auch Ferrarese sehr diskret.