Irak-Konflikt drückt die Kurse

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Holger Zschäpitz

Berlin - Börsianer müssen derzeit neue Fähigkeiten entwickeln. Statt Finanz-Know-How ist plötzlich politische Analysefähigkeit und militärisches Strategiedenken auf dem Parkett gefragt. Doch in der ungewohnten Funktion zeigen sich die Marktexperten noch eher unbeholfen.

Der zu Wochenbeginn vorgelegte Bericht von US-Waffeninspekteur Hans Blix traf auf eher ratlose Börsianer. Die Märkte gingen auf eine wilde Berg- und Talfahrt. Der Deutsche Aktienindex Dax stürzte mit einem Minus von mehr als drei Prozent zunächst gefährlich nah an das Tief vom vergangenen Oktober, dann trieben Gerüchte, Saddam Hussein wolle ins Exil gehen, das deutsche Kursbarometer wieder kurzfristig ins Plus.

Hans Blix löste mit der Vorlage seines Berichts weitere Kurskapriolen aus. "Der Report war eine &wichtige Etappe&, jedoch nicht der &D-Day&, der Stichtag für die Entscheidung über Krieg und Frieden", begründet Edmund Shing, Stratege von Julius Bär die volatile Entwicklung. "Damit bleibt weiter Unsicherheit - und nichts hassen die Märkte mehr."

Die wochenlange Zuspitzung des Irak-Krieges hat die Börsen stark in Mitleidenschaft gezogen. In wenigen Wochen wurden allein bei den 30 Dax-Unternehmen 121 Mrd. Euro an Wert ausradiert. Obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder Deutschland aus einem möglichen Irak-Krieg heraushalten will, litt der Dax am stärksten unter der geopolitischen Krise.

Die deutsche Börse ist inzwischen fast schon auf Zwergengröße geschrumpft. Mit 373 Mrd. Euro bringt der gesamte deutsche Markt weniger als die beiden US-Konzerne Microsoft und General Electric auf die Börsenwaage. "Mit seiner Wachstumsschwäche ist Deutschland der größte potenzielle Verlierer der Irak-Krise", erklärt Julius-Bär-Stratege Shing. Denn dauere die politische Unsicherheit an, werde das globale Wirtschaftswachstum gebremst.

Shing hat berechnet, dass die europäischen Ökonomien um 0,4 Prozent langsamer wachsen würden, sollte es in den kommenden sechs Monaten nicht zu einer definitiven Entscheidung im Irak-Konflikt kommen. "Die Bundesrepublik steht damit schon jetzt mit einem Bein in der Rezession", befindet er.

Keine Frage: Ginge es nach den Börsianern würde eine Irak-Entscheidung so schnell wie möglich getroffen. Schließlich ist kein Unternehmen bereit, in diesem Umfeld in neue Anlagen oder Mitarbeiter zu investieren. Und auch den Konsumenten vergeht angesichts der latenten Kriegsgefahr die Lust am Einkaufen. Ohne Investitionen und Konsum wird jedoch die Konjunktur in den Abgrund gestürzt.

"Solange der Irak-Konflikt nicht gelöst ist, wird sich auch an den Börsen nichts positiv bewegen", sagt Robert Halver, Stratege bei Vontobel Asset Management. Sollten jedoch die Kurse vom kriegerischen Ballast befreit werden, seien schnell 30 Prozent oder mehr Kursplus drin. Nach Ansicht von Halver ist der deutsche Markt trotz der Risiken momentan stark unterbewertet.

Besonders pointiert zeigt dies das so genannte Fed-Modell für Deutschland - ein Modell, bei dem Anleiherenditen und Gewinnschätzungen zur Berechnung eines "fairen" Indexwertes herangezogen werden, und das auch die US-Notenbank benutzt. Bei der aktuellen Rendite für zehnjährige Bundesanleihen von vier Prozent und addierten Dax-Gewinnschätzungen je Aktie von 215 Euro, errechnet sich ein fairer Wert von etwa 5385 Punkten. Bei diesem Niveau wäre der Deutsche Aktienindex insgesamt 371 Mrd. Euro mehr wert als derzeit.

Immerhin gute Aussichten für die gebeutelten Anleger. Doch Gerald Böhme, Fondsmanager bei Metzler gibt sich keinen Illusionen hin: "Solange der Irak-Konflikt anhält, zählen Bewertungen absolut nichts."