Segelsport

Eine Frage der Ehre

Die Bundesliga mit ihren 18 Vereinen macht Station auf dem Großen Wannsee. Mit dabei sind zwei Segel-Ikonen aus Berlin, die in der Welt nachhaltig für Aufsehen gesorgt haben

Das kommende Wochenende wird eine Zeit großer Erinnerungen. Bei den Bundesliga-Regatten auf dem Berliner Wannsee wird der dreimalige Olympiasieger Jochen Schümann erstmals seit den Spielen in Sydney 2000 wieder mit Gunnar Bahr und Ingo Borkowski in einem Boot sitzen. Vierter Segler des Yachtclubs Berlin-Grünau wird Erik Powilleit sein. Mit Bahr und Borkowski hatte Schümann in Australien seine vierte Medaille gewonnen. Dass es „nur“ die Silberne war, beschäftigt Schümann noch heute in „schlechten Nächten“, wie er sagt. Für Schümann war und ist ein zweiter Platz bereits ein Rückschlag. Deswegen ist seine Zielsetzung für die Regatten auf dem Großen Wannsee, direkt vor dem Gelände des in der Bundesliga auf Rang drei positionierten Vereins Seglerhaus am Wannsee (VSaW), auch nicht überraschend: Schümann und seine Olympiacrew von 2000 wollen für Grünau (Platz acht) siegen.

„Wir gehen natürlich ein Risiko ein“, sagt Schümann. Wer bei Olympia eine Medaille geholt hat, sollte sich auch in der Bundesliga durchsetzen können. Doch das wird nach Ansicht des America’s-Cup-Siegers nur möglich sein, wenn der Wind auf dem Wannsee kräftig bläst. „Dann sind wir gut aufgestellt“, meint Schümann. Bei Flaute dürfte das Boot aus Grünau chancenlos sein, weil die Segler gegenüber den konkurrierenden jungen Seglern anderer Vereine zu schwer sind.

Dass Schümann, der in Penzberg bei München lebt, zum dritten „Spieltag“ dieser Saison in seine Heimat zurückkehrt, ist typisch für die im vergangenen Jahr eingeführte Bundesliga. „Es ist ein superschönes Format, das jeder versteht“, sagt die frühere Olympiavierte und Vizepräsidentin des VSaW, Ulrike Schümann (mit Jochen Schümann nicht verwandt). Ulrike Schümann wird selbst als Taktikerin im Boot ihres Vereins sitzen und freut sich schon auf die Auseinandersetzung mit ihrem berühmten Namensvetter. In den jeweils 18 Klubs der Ersten und Zweiten Bundesliga hat sich durch die neue Klasseneinteilung eine Art Korpsgeist entwickelt. Bei den Regatten der Eliteligen segeln nicht immer dieselben vier Segler der jeweiligen Vereine. Jochen Schümann beispielsweise war im vergangenen Jahr mit einem Nachwuchssegler im Boot seines Klubs unterwegs.

Der Wechsel der Segler ist einer der Gründe, warum das Interesse in den Vereinen an den Regatten der Bundesliga nachhaltig und breit ist. „Für meinen Klub segeln zu dürfen, ist eine Ehre für mich“, erklärt Ulrike Schümann. Für die Vereine führe die Teilnahme auch zu einer größeren Bekanntheit. „Die Wettbewerbe haben einen Riesenstellenwert“, sagt sie.

Ähnlich sieht es der Initiator der Bundesliga, der frühere Tornado-Weltmeister Oliver Schwall. Es gebe mehrere Vorteile der noch jungen Bundesligen: In den Vereinen rücke man enger zusammen, die Wettbewerbe seien eine Plattform zur Präsentation des Klubs, weil Segeln vor allem in den jeweiligen Medien der Austragungsorte und der Vereine endlich angekommen sei.

Moderne Übertragungstechnik

Wie ernst die besten deutschen Klubs die Wettbewerbe nehmen, zeigt das Beispiel der Bundesliga-Regatten am kommenden Wochenende in Berlin. Auf der Terrasse des ausrichtenden Klubs werden die Wettbewerbe über Monitore übertragen. Und wenn schon mal einige der besten deutschen Segler auf dem Großen Wannsee gegeneinander antreten, muss auch der Beste aus der Vergangenheit mit dabei sein, um sein Jubiläum zu feiern. Vor 50 Jahren hat VSaW-Mitglied Willi Kuhweide Gold bei Olympia gewonnen. Auch fünf Jahrzehnte nach seinem Triumph in Tokio ist die Aura dieses Erfolgs noch immer nicht verblasst. Im Gegenteil, Kuhweide ist heute noch immer Synonym internationaler Erfolge deutscher Segler.

Beim VSaW wird dieses Jubiläum jedenfalls parallel zu den Bundesliga-Regatten gefeiert. Und Kuhweide, der heute in Arizona lebt, reist zu den Feierlichkeiten an. Mit dabei sein wird auch sein einstiger härtester Konkurrent, der DDR-Segler Bernd Dehmel. Kuhweide war erst in letzter Minute für die damals gesamtdeutsche Mannschaft nominiert worden. Dehmel konnte nicht starten.

Die einstigen Gegner dürften überrascht davon sein, wie professionell Segler heute leben müssen, um Erfolg zu haben. „Zu der Zeit, als Willi Kuhweide Gold und später noch einmal Bronze gewann, wurde längst nicht so viel trainiert wie heute“, sagt Ulrike Schümann. Allerdings wurde den Sportlern damals auch nicht ein solcher Service geboten. Zu den Regatten der Bundesliga beispielsweise müssen die 18 Crews nicht mehr mitbringen als ihre Segelkleidung. Die J70-Boote werden gestellt und liegen an den jeweiligen Austragungsorten bereit. Eine Kooperation mit dem Hersteller der Boote macht das möglich.

An die erfolgreichen Zeiten von Kuhweide und Seriensieger Jochen Schümann anzuknüpfen, ist das Ziel des Deutschen Segler-Verbandes und des Sailing Team Germany. Die Bundesligen spielen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle. Durch die Regatten wird der Konkurrenzkampf geschürt, und die Wettbewerbe ziehen unerwartet viele Zuschauer an. Die vorigen Bundesliga-Regatten in Travemünde verfolgten bis zu 25.000 Zuschauer live im Internet. „Für’s Segeln ist das eine gute Zahl“, sagt Schwall. Aber auch direkt in Travemünde waren viele Besucher dabei, die Bundesliga-Segeln hautnah bei traumhaften Bedingungen erleben konnten.

Trauma Jesper Bank

SAP als Partner hatte mit hohem Aufwand dafür gesorgt, dass modernste Übertragungstechniken eingesetzt wurden. „Wir müssen den Segelsport an Land holen“, sagt Schwall. In Travemünde wurde diese Forderung erfüllt. Die Besucher waren zufrieden, zumal die Regatten auf dem Wasser dramatisch verliefen. Der Norddeutsche Regatta-Verein hatte seine Führung in der Bundesliga nur sehr knapp verteidigen können.

Der Erfolg der Bundesliga hat sich unterdessen im Ausland herumgesprochen. In Dänemark gibt es mittlerweile eine ähnliche Liga, Österreich, Schweden, Tschechien, Russland und die USA werden bald folgen. In Europa, glaubt Schwall, wird es deshalb wohl auch bald eine weitere Einrichtung geben, die dem Vorbild Fußball folgt: eine Champions League. Ein erster Test dafür soll in diesem Herbst in Kopenhagen stattfinden.

Sollte Schümann mit seinem Klub aus Grünau dabei sein, könnte es in der Champions League eines Tages zu einem Duell kommen, bei dem er eine alte Rechnung begleichen könnte. In Sydney 2000 war er unter kuriosen Umständen dem Dänen Jesper Bank unterlegen. Bank zu schlagen, wie gerade kürzlich geschehen, bereitet Schümann besonderes Vergnügen. Und kann den Schmerz der damals verpassten vierten Goldmedaille zumindest ein wenig lindern.