Segeltörn

Das junge Mädchen und das Meer

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Oliver Klempert

Knapp 14 Tage noch, dann hat sie ihr Zwischenziel erreicht. Seit sechs Wochen ist Merle Ibach schon wieder unterwegs, hat mit den Niederlanden, England, Belgien und Frankreich vier Länder besucht. Zwei Monate war sie auf See, wenn sie ihr Schiff im französischen Brest festmachen und über Land zunächst zurückkehren wird, weil sie wieder zur Uni muss.

Die 21-jährige Charlottenburgerin gehört mittlerweile zu Berlins bekanntesten jungen Fahrtenseglerinnen. Ihr Ziel: Portugal - und damit hätte sie Europa zur Hälfte Richtung Westen umrundet. Ihr Törn ist schon das zweite Großprojekt, nachdem das erste unter Seglern vergangenes Jahr für viel Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Fünf Monate lang segelte sie damals entlang den Küsten der Ostsee bei ihrem "Baltic Mermaid Project": Litauen, Lettland, Estland, Russland, Dänemark, Finnland und Schweden standen auf der Agenda des Segeltörns. Es war Ibachs erste große Auszeit nach dem Abitur.

Der Beginn einer großen Liebe

Die TU-Studentin (Kultur und Technik) verwirklicht damit nun schon zum zweiten Mal einen Traum, den viele Segler ihr Leben lang träumen - mit dem eigenen Schiff auf große Tour zu gehen. So schreibt Ibach von unterwegs: "Ich habe noch genau im Ohr, was mir vor meinem ersten Törn viele sagten: Es ist gut, dass du diese Reise jetzt machst, bevor der Ernst des Lebens beginnt." Merle Ibach zog andere Schlüsse: "So eine Reise ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer großen Liebe." Schließlich heiße es doch: Wen die See packt, den lässt sie nicht mehr los.

Das aktuelle Projekt ist zwar nicht so aufwendig wie das aus dem vorigen Jahr, aber an manchen Stellen durchaus aufregender: So hat die junge Seglerin mittlerweile sogar den Ärmelkanal gekreuzt, eine der gefährlichsten Wasserstraßen der Welt. Viele Segler hatten die Reise zuvor als zu anspruchsvoll für Merle Ibach gehalten - vor allem wegen der Gezeiten und der Strömung in der Nordsee. Und der teilweise heftigen Atlantikwellen.

Doch kann eine zweite Reise so aufregend wie die erste sein? Schließlich ist es vor allem der erste Solotörn, der Segler am meisten prägt. Merle Ibach sieht jedoch kaum einen Unterschied. "Etwas Spannendes passiert immer", sagt sie. So wechselte sie auch dieses Mal unterwegs mehrfach die Crew. Berührungsängste oder Scheu davor, tagelang an Bord mit im Grunde fremden Menschen zu sein, dürfe man aber nicht haben.

Abe das sind Probleme, die Ibach ohnehin nicht kennt. Dies hat Gründe: Ihre Segeljugend verbrachte sie über Jahre stets irgendwo zwischen der Cote d'Azur, Warnemünde oder Istanbul in Trainingslagern, auf Regatten und bei Meisterschaften. Die Berlinerin segelte erst im Optimisten, dann Teeny und später 420er. Als sie 2009 im Kader aufhörte, wusste sie nicht mehr weiter. Von einer Sekunde zu nächsten habe sie damals die Entscheidung getroffen, einen Törn zu unternehmen, der nichts mit dem Regattasport zu tun hat. "Ich saß nach dem Abitur zwischen den Unizusagen und überlegte, welche ich annehmen sollte. Da beschloss ich, eine Auszeit zu nehmen."

Das "Baltic Mermaid Project" wurde schließlich ein voller Erfolg. Allerdings: "Bei der ersten Reise hat mich gestört, dass es fast immer kalt war. Deshalb wollte ich diesmal ins Warme fahren", sagt die Berlinerin. Warum es sie überhaupt wieder hinaus auf die See zog, erklärt Ibach so: "Es war natürlich nicht geplant, dass ich bald wieder einen so großen Törn machen würde, als ich das erste Mal losfuhr. Aber es war auf jeden Fall klar, als ich wieder zu Hause war, dass es dabei nicht bleiben konnte. Heute weiß ich: Für mich ist das ,Zu-Hause-Sein' nur ein zwischenzeitlicher Zustand, der zwar auch nett ist, aber nichts mit wirklichem Leben zu tun hat." Die Vorbereitung auf den nächsten Törn habe daher sozusagen direkt nach dem Überstehen ihrer "Wiederankunfts-Depression" begonnen.

Neben ihren Begegnungen mit Menschen habe sie vor allem viel praktische Erfahrungen gesammelt, zum Beispiel über die Einschätzung des Wetters auf See. "Dazu zählt, dass auch Wetterberichte irren. Man sollte sich zunächst immer erst einmal auf die eigenen Sinne verlassen." Gefährliches ist bis jetzt noch nichts passiert, weder auf der Ostsee noch auf der Nordsee oder derzeit auf dem Atlantik. "Das Gefährlichste sind wohl meine Pläne für die Zukunft - die verrate ich aber noch nicht", sagt Ibach.

Das Schiff hat sie selbst umgebaut

Mit solch großen Segelabenteuern ist die Seglerin des Vereins Stößensee nicht allein: Immer mehr Jugendliche wagen schon in jüngstem Alter den großen Törn auf eigene Faust - und machen die Träume ihre Eltern damit schon dann wahr, wenn sie kaum aus den Kinderschuhen herausgewachsen sind. Eine Zeitlang war es auch schwer in Mode, wer als Jüngster die Welt umrundet hat - eine Entwicklung, die heftig umstritten war, aber sich wieder beruhigt hat.

Merle Ibach konnte und kann diesen Auswüchsen der jugendlichen Hightech-Hatz um die Welt ohnehin nichts abgewinnen. Eher schon ihrem Schiff "Lille My", einer nur 7,90 Meter langen "Ecume de Mer", das die Studentin mittlerweile fast komplett umgebaut hat. "Nur ganz dicht ist es nicht. Ich habe keine Ahnung, wo Wasser ins Schiff kommt, und mir fällt langsam nichts mehr ein, weil schon mehrere Tuben Dichtung im Boot verschwunden sind." Zunächst soll das Boot nun die kommenden Monate in Brest bleiben. Diese Pause wird der Seglerin gut tun: Auf dem Weg nach Portugal hat sie noch die stürmische Biskaya vor sich.

Der Verlauf des Törns kann unter www.merle-ibach.de verfolgt werden