Starboot-Legenden

Länger zusammen als die meisten Ehen

Es gibt Freundschaften, die scheinen im Himmel beschlossen und werden auf Erden vollzogen. Genauer gesagt: Auf dem Wasser. So eine ist auch die zwischen Jochen Diercks und Herbert Braasch. Die beiden Hamburger Geschäftsmänner, beide 63 Jahre alt, sitzen seit 50 Jahren in einem Boot und stellen sich bis heute der international übermächtigen Konkurrenz in der olympischen Starbootklasse.

Heute Abend wird auf dem Gelände von Deutschlands größtem Segelclub, dem Norddeutschen Regatta Verein an der Alster, doppelt gefeiert: Im Mittelpunkt steht die "goldene Hochzeit" der Segelcrew Diercks/Braasch, die zum Fest geladen hat. Geehrt wird aber auch das Starboot zu seinem 100. Geburtstag. Die älteste unter aktuell zehn olympischen Segeldisziplinen hat nichts von ihrer Faszination verloren.

Am 9. März 1947 geboren, erblickte als erster der beiden Weggefährten Herbert Braasch das Licht der Welt - ein Sonntagskind. Jochen Diercks folgt 112 Tage später am 28. Juni in Oevelgönne an der Elbe. Sein Vater setzt ihn bereits im Alter von drei Jahren als "Wellenbrecher" auf das Vorschiff. Dem Knirps gefällt das verständlicherweise wenig. Erst das klassische Jugend-Kutterwandern, bei dem er auch Braasch kennenlernt, entfacht im Teenager Diercks die Flamme der Leidenschaft für den Segelsport, die nie wieder erlöschen wird.

Dass die gemeinsame Regattakarriere der beiden Kaufleute nach Abstechern in die Klassen Pirat, 470er, größere Yachten und mehrjährigen Auslandsaufenthalten schließlich im übertakelten Klassiker Starboot ihre Krönung erfährt, ist nicht logisch: Denn die Herren Diercks und Braasch sind im Vergleich zu den internationalen Schwergewichten viel zu leicht.

Daran ändert auch der Bootsname "Mops" nichts, den alle sechs bislang von ihnen gesegelten Starboote trugen. Den Namen wählten sie zu Ehren ihres ersten Förderers im Hamburger Segel-Club Klaus Petersen-Mart, dessen Boot zwei gemalte Möpse (Hunde!) zierten.

Zu leicht für den Star

Mit insgesamt nur 150 Kilogramm brachten Jochen Diercks und Herbert Braasch es schon bei ihrem Einstieg Ende der 1970er Jahre auf kaum zwei Drittel des damals gängigen Mannschaftsgewichts im offenen Zweimann-Kielboot. Viel zu wenige Kilos zum Siegen. Zwar stoppte die vom Hamburger Starboot-Weltmeister Alexander Hagen - vor allem gegen den amerikanischen Widerstand - durchgesetzte Formel 1999 die unangenehme Mästerei von Starboot-Vorschotern auf bis zu 150 Kilo pro Mann, doch bis heute fehlen Jochen Diercks und Herbert Braasch mindestens 50 Kilo auf der Starbootkante.

Dennoch widerstanden sie allen Versuchungen, die Klasse zu wechseln oder gar sich für bessere Ergebnisse zu trennen. "Nie im Leben", sagte Diercks einmal zu Achim Griese. Der Starboot-Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von 1984 hatte die Trennung der Freunde aus sportlichen Erwägungen empfohlen. Doch um olympisches Glück ging es den Segelfreunden fürs Leben nie. Der gemeinsame Spaß war und ist wichtiger als Top-Resultate.

"Jochen und ich sind - ob gemeinsam oder getrennt - immer wie Brüder durchs Leben gegangen. Der Segelsport ist unser Leben. Wir sind Lustsegler", erklärt Jochen Diercks, der wie Braasch in der Starbootszene als Gentlemansegler gilt. Auch wenn die Charakterstärke kein Garant für vordere Ränge ist. Bei der Starboot-Weltmeisterschaft 2009 belegten sie Platz 81 unter 86 Teilnehmern - und zählen dennoch zu den beliebtesten Gesprächspartnern im Heer der toptrainierten Profis.

Mehr als ein Dutzend Weltmeister und Olympiasieger, charmante Austragungsorte und der familiäre Geist der Klasse machen den Reiz aus, der die "Mops"-Crew nicht ruhen lässt. Bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft im vorigen Jahr wurden sie 15. von 39 Teilnehmern und ließen viele Jüngere reichlich alt aussehen. Was sie fasziniert an der Klasse, in der sie nicht siegen können? "Wenn der Star erst anspringt, ist er fantastisch", schwärmt Diercks.

Das 1910 entwickelte, schmale knapp sieben Meter lange und mit 28 Quadratmetern Segelfläche reichlich übertakelte Boot hat schon ganz andere in seinen Bann gezogen. Etwa die Kennedy-Brüder, Medienunternehmer Ted Turner, Mr. America's Cup Dennis Conner und auch Paul Elvström, den mit vier Goldmedaillen erfolgreichsten Olympiasegler aller Zeiten.

Den Ruhm der deutschen Starbootsegler begründete Walter "Pimm" von Hütschler, Erfinder des flexiblen Riggs. Der Hamburger Nazigegner mit brasilianischem Pass, der noch während des Zweiten Weltkriegs in das südamerikanische Land auswanderte, hatte Deutschland zuvor mit herausragenden Ergebnissen zurück an die Weltspitze des Segelsports geführt. Nach seinem Einstieg hatte er sich dem 1932 olympisch gewordenen Starboot verschrieben, entwickelte eine elastische Alternative zum bis dahin steifen Mast. In Amerika nannten sie seine Konstruktion "German Rigg" - ein technologischer Meilenstein, der nicht nur die Zukunft des Starbootes beeinflusste.

Von Hütschler eilte mit dem neuen Rigg von Sieg zu Sieg, lehnte aber ein Angebot der NS-Führungskader ab, bei den Olympischen Spielen vor Kiel zu starten. Immerhin weihte er das Duo Peter Bischoff und Hans-Joachim Weise so gründlich in seine Geheimnisse ein, dass sie das erhoffte Gold sichern konnten.

Das Starboot - das 1976 eine olympische Runde aussetzen musste, aber sein Comeback dank starker Lobbyarbeit für 1980 direkt wieder schaffte - galt auch sonst immer wieder als deutsche Paradedisziplin. Dafür sorgten nicht nur Olympia-Bronze und der Weltmeistertitel von Willy Kuhweide 1972. Alexander Hagen und Vincent Hoesch sicherten sich 1981 mit ihrem Sieg einen der goldenen Sterne, den Starboot-Weltmeister im Segel führen dürfen. Drei Jahre später gewann Achim Griese Silber vor Los Angeles.

Sie alle sind geladen, wenn heute Abend an der Alster die Gläser auf die Jubilare und den Dauer(b)renner Starboot erhoben werden.