Drama

Zwischen Rache und Vergebung

Colin Firth spielt einen Kriegsveteran, dem Nicole Kidman Hoffnung schenkt: „Die Liebe seines Lebens“

Schüchterne Blicke, verhaltene Gesten, leise Worte: Es ist eine hauchzarte Annäherung im Zugabteil, zwischen Eric und Patti, dem fanatischen Eisenbahnliebhaber und der schönen Reisenden, zwischen Colin Firth und Nicole Kidman. Doch eigentlich geht es in der Verfilmung der Memoiren des ehemaligen britischen Offiziers Eric Lomax weniger um die Liebe, die das Leben beflügelt als um den Schmerz, der es erstickt. Im Grunde zielt Jonathan Teplitzky dabei auf genau die Geschichte, die Angelina Jolie schon für ihre zweite Regiearbeit „Unbroken“ im Visier hatte, dann aber am Ende aus den Augen verlor.

Beide rekapitulieren das unbeschreibliche Leid, das amerikanische beziehungsweise britische Kriegsgefangene im 2. Weltkrieg unter japanischen Folterknechten erlebten, indem sie den Memoiren eines Betroffenen folgen. Während Jolie die Qualen von Louis Zamperini so sehr ins Zentrum rückte, dass ihr am Ende keine Zeit mehr für Erlösung und Gnade blieb, konzentriert sich Teplitzky von vornherein auf Eric Lomax’ Trauma-Bewältigung und lässt die Vergangenheit nur in alptraumhaften Rückblenden aufblitzen.

Er zeigt einen Mann, der gezeichnet ist von Kriegserlebnissen, über die er nicht sprechen will und hat in Colin Firth einen idealen Gewährsmann. In Filmen wie „A Single Man“ oder „The King’s Speech“ hat sich der Brite als Meister still unterdrückter Seelenqualen profiliert, als formvollendeter Gentleman, der seine unterschwellig brodelnden Gefühle im Zaum zu halten weiß. Mit jedem seiner gehemmten Schritte, verhaltenen Blicke und leisen Worte macht er die Last der Geschichte spürbar, und vermittelt zugleich aber auch den lichten Hoffnungsschimmer, den Patti in sein gedämpftes Leben scheinen lässt.

Neben ihm bleibt nicht viel Raum für die anderen Akteure, für Nicole Kidman als marginales Ehebeiwerk und für die Japaner als Klischeebilder des Bösen.

Schon in der Hochzeitsnacht wird das zarte Glück von posttraumatischen Seelenqualen zersetzt, die Eric bald Tag und Nacht heimsuchen. Da trifft es sich gut, dass Patti nicht nur als liebevolle Ehefrau, sondern auch als treusorgende Krankenschwester um sein Seelenheil bemüht ist. Allerdings muss sie sich erst durch die Mauern des Schweigens und der Verdrängung kämpfen, nur mühsam gelingt es ihr Erics bestem Freund und Leidensbruder Finlay (Stellan Skarsgård) ein paar weiterführende Andeutungen und Informationen zu entlocken. Dabei wirkt die übertriebene Geheimnistuerei unbeholfen und verkrampft, als gäbe es nicht genügend reale Probleme, als müsste die Spannung künstlich erhöht werden.

Als Eric dann zufällig erfährt, dass sein ehemaliger Folterknecht Takeshi Nagase (Hiroyuki Sanada) noch lebt und Touristengruppen durch seine ehemalige Wirkungsstätte führt, bahnt sich eine Katharsis an, die durch exzessive Rückblenden vorbereitet wird. Immer wieder ziehen sie Eric aus der Gegenwart heraus in die Vergangenheit. Statt die Geschichte jedoch zu unterfüttern, zerreißen sie sie in Stücke so wie auch die romantische Liebe den Kriegsfilmplot eher stört, als dass sie ihn stärkt. Darüber hinaus könnte man sich natürlich auch fragen, warum ein Mann, der als Kriegsgefangener im japanischen Arbeitscamp zum Bau der Eisenbahnlinie zwischen Thailand und Burma gezwungen wurde – die wegen ihres hohen Blutzolls als Todeseisenbahn in die Geschichtsbücher eingegangen ist – im späteren Leben ausgerechnet zum obsessiven „Railway Man“ (so der Originaltitel) wird. Doch das ist nur eine von vielen Ungereimtheiten, die wie so oft auch in diesem Film durch die Wirklichkeit widerlegt sind.

Während David Lean in „Die Brücke am River Kwai“ in den Fünfziger Jahren noch eine völlig fiktive Version dieser realen Geschichte erzählte, näherte sich David L. Cunningham 2001 in „To End All Wars – Die wahre Hölle“ den Ereignissen bereits auf realistischere Weise.

Mit Schauspielern wie Kiefer Sutherland und Robert Carlyle eröffnete auch er ganz am Ende seines Films schon das Spannungsfeld von Rache und Vergebung. Doch erst in diesem Jahrzehnt scheint die Zeit reif für Filme, die den realen Beispielen von Louis Zamperini und Eric Lomax folgen. Für Helden, die den Kreislauf der Gewalt durchbrechen und Erlösung darin finden, ihren Peinigern zu vergeben: Kriegsveteranen, die von Colin Firth gespielt werden, dem man nicht wirklich zutraut, das Messer auch zu benutzen, mit dem er seiner Nemesis entgegentritt.

Drama: A/GB 2014, 108 min, von Jonathan Teplitzky mit Colin Firth, Nicole Kidman, Jeremy Irvine

++++-