Dokumentation

Der Mann, den die Frauen lieben

Eine Dokumentation kommt dem scheuen Raf Simons nun erstmals hautnah: „Dior und Ich“

Edles Tuch fliegt, aufwendige Stickereien knistern, die strengen Scherenhände der Directricen pflügen sich stoisch ihre Änderungswege. In langer Nachtarbeit müssen quadratmetergroße Kleiderträume wieder aufgetrennt werden, die „Vision“ des Herren will es so. Alle sind mega-exited und super-gestresst, aber mit von der Droge Stichelarbeit leuchtenden Augen.

Gegen Ende, wenn das Tempo steigt, die Schnitte schneller werden und die Musik ihren Rhythmus beschleunigt, schauen die Mamsellen und Messieurs aus dem Atelier zu, wie ihnen ihre Werke der Saison genommen und von hektischen Stylisten, Coiffeuren sowie Visagisten auf klapperdürren, meist mürrisch aussehenden Models zu Artefakten aufgehübscht werden. Draußen tobt fotoblitzzuckend der Starzirkus am Laufsteg, hinten der Backstage-Wahnsinn. Irgendwann kommt eine über dem Gefrierpunkt huldvoll lächelnde Anna Wintour, vielleicht sogar ohne Sonnenbrille. Und dann noch das Brautfinale, zack, zack, Küsschen, Bravi. Alles vorbei. La petite Morte.

Das ist die vorhersehbare Dramaturgie jeder Dokumentation, die hinter die Kulissen des Pariser Haute-Couture-Zirkus blickt, Zicken und Zauberer vorführt und letztlich doch wieder nur Lieschen Müller im Kinositz dazu verführt, sich eine Handtasche von C., eine Sonnenbrille von D. oder wenigstens einen Lippenstift von L. zu leisten. Modeträume müssen immer wieder neu geboren werden. Man will wenigstens Fashionista für einen Moment sein, am Luxuslabel partizipieren. So geht das auch in Frédéric Tchengs „Dior und Ich“, der jüngsten Variation dieses einigermaßen glamourösen Doku-Subgenres vonstatten. Wir sehen, wie eine Kollektion entsteht, von der Inspirationsphase an, die oft nur mehr oder weniger cleverer Klau in der Kulturgeschichte ist, was dann unter Neo-, Retro-, Vintage- oder Hommage-Look firmiert.

Doch hier dominiert kein König Karl (Lagerfeld) im Atelier und Laufsteg. Hier wird gezeigt, wie der extrem scheue Raf Simons, der als Belgier dörflicher Herkunft noch nicht einmal des Französischen mächtig ist, im Frühjahr 2012 die Kreativherrschaft im legendenumwobenen Haus Dior übernimmt. Man sieht ein vorsichtiges Abtasten und menschliches Maßnehmen einer Mannschaft, die vorher die Borderline-Explosionen des – wegen seiner trunkenen Ausfälligkeiten entlassenen John Galliano – meisterlich in Stoffextravaganzen umzusetzen wusste. Jetzt versucht sie den knappen Anweisungen eines bisher noch nicht in der Haute-Couture angekommenen Jil-Sander-Minimalisten Folge zu leisten.

Und das Rätsel Raf taut auf, wird nahbar, weint am Ende sogar, wenn er wie im Rausch durch die mit Blumenwänden geschmückte Stadtwohnung wandelt, die dieser ersten, entscheidenden Kleidersammlung als Präsentationsort diente. Da hätte es die zweite Ebene eines sich mit seinem Alter-Ego unterhaltenden Christian Dior gar nicht gebraucht.

Dokumentation: Fr 2014, 90 Minuten, von Frédéric Tcheng, mit Marion Cotillard und Anna Wintour

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