Drama

Köter-Armee erobert die Stadt

Für jeden Entrechteten kommt die Stunde der Rache: „Underdog“

Kornel Mundruczos Film „Underdog“ als „Hunde-“ oder gar Kinderfilm zu beschreiben, hieße ihn gleichzeitig schwer zu unterschätzen. Sicher, die Hauptrollen spielen ein Hund und ein junges Mädchen, aber darüber hinaus hat „Underdog“ noch sehr viel mehr zu bieten. Nämlich nicht weniger, als dass hier die „Spartacus“-Geschichte mit einem Hund als Gladiatorenfigur neu erzählt wird. Gleichzeitig verweist der Film auch aufs Zombiegenre, in dem statt menschlicher Untoter eine Köter-Armee in eine Stadt eindringt. Ein bisschen der alten „Lassie“-Serie steckt auch drin, aber auch das neue Genre um abgehalfterte Actionhelden wie etwa die „Expendables“-Reihe.

Denn Hagen, die Hauptfigur von „Underdog“, ist zu Beginn ein solcher „Expendable“. Er gehört einem Trompete spielenden Mädchen namens Lilli, deren Mutter ins Ausland fährt, weshalb Lilli zum ungeliebten Vater muss. Der Vater allerdings mag Hunde nicht. Bald beschwert sich auch die Nachbarin und warnt, dass Hundehaltung in diesem Haus verboten sei. Und so sehr sich Lilli auch wehrt, sehr schnell kommt es dazu, dass Hagen ausgesetzt wird, irgendwo am Rand von Budapest.

Dort muss Hagen, wie jeder Ausgegrenzte, erst einmal mühsam das Überleben erlernen. Traurig schleckt er Wasser aus Pfützen und streift mit hungrigen Augen im Fleischmarkt herum. Dort trifft er bald auf Schicksalsgenossen, die ihm sozusagen zeigen, wie’s läuft. Auch eine Romanze mit einer charmant-gewitzten Hündin deutet sich an. Aber die Hundehäscher der Stadt sind unerbittlich, Hagen führt ein Leben beständig auf der Flucht. Es gibt viele Menschen, die die natürlichen Bedürfnisse eines Hundes auf Zuwendung und Nahrung böse für sich auszunutzen wissen. Und dann gerät Hagen in die Hände eines Hundeschinders, der ihn in Max umtauft und mit den üblichen Methode des Brutalisierens zum Kampfhund „ausbildet“. Wie ein Sylvester Stallone wird Hagen/Max zum Sieger mit traurigen Augen, der nach dem erfolgreichen Niederringen eines Gegners über die eigene, zur grausamen Gewalt fähigen Natur erschrickt. Einem Spartacus gleich eingesperrt unter anderen „Gladiator-Hunden“, plant Hagen den Ausbruch – und Hunderte von Hunden folgen ihm nach. Die Stunde der Rache hat geschlagen. Als Armee der Entrechteten jagen die Tiere durch die Stadt.

Dabei ist „Underdog“ mehr als nur eine exzellente Genre-Parodie. Der ungarische Regisseur Kornel Mundruczo hat geradezu dickköpfig auf die modernen Tricks von digitaler Bild- und Tiergestaltung verzichtet. Allein dafür, wie er hier mit über 200 echten Hunden Massenszenen dreht, die von großartiger Dynamik sind, muss man ihn bewundern. Und anders als sonst im Tierfilm üblich, werden diese realen Hunde in „Underdog“ nicht durch künstliche Stimmen oder „süße“ Blicke und Einstellungen „vermenschlicht“. Sie verkörpern auf diese Weise gegenwärtiger das Leiden der unterdrückten Kreatur. Sie sind die vom „weißen Gott“ (der Film heißt im Original „White God“), dem Menschen, Erniedrigten und Beleidigten. Und mit diesem Thema wiederum funktioniert der Film last not least auch als starke Parabel auf die Machtverhältnisse in der ungarischen Gesellschaft.

Drama: H 2014, X Minuten, von Kornél Mundruczó mit Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth

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