Drama

Die Moorsoldaten der Demokratie

Marc Brummund erzählt von Gewalt, Folter und Missbrauch in einem christlichen Jugendheim: „Freistatt“

So sehen unsere Super-8-Filme auch aus. Meistens ist da Sommer drauf, irgendwann Ende der Sechziger gedreht. Die Sonnenstrahlen sind gebrochen, die Farben sind sehr gelb. Alles Körper scheinen zu strahlen. Es ist alles schön und frei. Und wir sind jung.

Das sieht man zum Beispiel am Anfang von Marc Brummunds „Freistatt“ auch. Einen Jungen mit Moped durch den Sommer rasen. Ein Kleinrocker, der Kragen ist hochgestellt, die blonden Haare liegen schön. Die Kamera taumelt leicht durchs Licht. Er sieht aus wie Engel. Es gibt Kalten Hund. Und man hält es schon da nicht aus, was man weiß. Dass die Geschichte, auf die er da zufährt und über der die Sonnenstrahlen sich brechen, die seiner absichtsvollen Verrohung unter dem Deckmantel einer christlichen Erziehung ist. Und dass er gar nichts dafür kann.

„Freistatt“ handelt von einem Gulag der Demokratie. Von einem Kolyma für angeblich schwererziehbare Jugendliche. Freistatt ist eine Insel im Wietingsmoor bei Diepholz. in Niedersachsen. Hier landeten die aussichtslosen Fälle, von mehr als 800.000 Mädchen und Jungen, die bis 2010 in eins der rund 3000 Heime der Bundesrepublik verbracht wurden. Sie sollten, steht im Leitfaden für die Erzieher der Diakonie Freistatt, den „ganzen Menschen mit seinen natürlichen Anlagen für den Dienst in der Liebe emporbilden“.

Von Bildung war keine Spur, von Liebe nicht, und nicht von natürlichen Anlagen, die da gefördert wurden. Es sei denn, man versteht unter den natürlichen Anlagen des Menschen, dass er des anderen Wolf ist.

Wolfgang also kommt da hin. Er hat einen Stiefvater, der ist ein kalter, harter, ein soziopathischer Hund. Ein Mann, wie ein Springmesser. Nur Uwe Bohm kann so jemanden so gefährlich spielen, dass es einen ins Mark graust, wenn man es sieht. Ihm ist die Nähe zwischen Wolfang und seiner Mutter ein Stachel im Fleisch.

Wolfgang kann da gar nichts für. Er ist nur ein Kleinstadt-Rebell, wie es 14-Jährige sein müssen. Es ist die Hochzeit des Käseigels, die Studenten wollen Freiheit, das ist aber weit weg. In den Straßen bewirbt sich Willy Brandt auf Plakaten für den Job des Bundeskanzlers. Noch regiert das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger.

Und dann muss Wolfgang weg. Der steinbeige VW-Bulli von Freistatt kommt. Ein Mobil, in dem draußen in der Welt Timothy Learys Leute durch den Summer of Love fahren. Wolfgang sitzt da mit stummen Fährleuten des Todes drin. Draußen fliegen Vögel, ein weißes Pferd galoppiert übers Gras, die Sonne bricht sich. Die Welt ist schön.

Das gibt es immer wieder in Marc Brummunds erstem Spielfilm. Das Spiegeln des pädagogischen Schreckens in der Freiheit der Natur. Das Hereinragen der Zeit der Befreiung der verspießerten Republik ins Gefängnis, dass sie für ihre aufmüpfigen Kinder gebaut hat. Manchmal wird das untersubtil und überambitioniert. Häufig verstärkt es die Trauer, von der man sowieso überfallen wird beim Zuschauen des Vordiehundegehens hoffnungsvoller Kinder.

Brummund zeigt die Folter, die Verwundungen, die Härte der Seelenzerstörung in Christi Namen. Zeigt vor allem, wie das System Freistatt funktioniert. Individualismus wird ausgelöscht, das Ich willenlos gemacht. Und nach des Tages Folter, nach Torfstechen, Gewalt und Unterdrückung dankt man für das schlechte Brot, betet zum Herrn, und an Weihnachten singt man „O du fröhliche“. Wolfgang geht mit dem Kopf auf jede der vielen Wände los. Louis Hofmann, der mal Hermine Huntgeburths Tom Sawyer war, ein Junge mit ebenmäßigem Gesicht und ungeheurer Energie, der bockig aufstampfen kann wie Tom Cruise in „Eine Frage der Ehre“, macht das mit schmerzhafter Vehemenz deutlich. Bleiben sie heil, die Wände, rennt er noch mal an und noch mal und noch mal.

Die Sonne scheint wieder. Und das Gesicht so makellos fast wie am Anfang. Könnte das Gesicht der Freiheit sein, ist nur das der Gewalt, die von nun an für immer in ihm brodelt. Ist nicht ganz gut der Film. Ist aber nötig. Um die Erinnerung an die im Namen des Herrn und der Republik Gefolterten wach zu halten.

Drama: D 2015, 108 min, von Marc Brummund, mit Louis Hofmann, Alexander Held, Stephan Grossmann

++++-