Abenteuer

Gemischte Mischung auf der Müllkippe

Erst eine gut gelaunte Milieustudie, doch dann kommen die Folterer: „Trash“

Raphael blickt cool in die Kamera, mit der er sich selbst filmt. „Wenn ihr dieses Video seht, bin ich wahrscheinlich schon tot“, sagt er. Der 14-Jährige wirkt gefasst. Seine Kindheit in Rios Elendsvierteln, den Favelas, hat ihn abgehärtet: Raphael verdient seinen Lebensunterhalt damit, sich durch Müllberge zu graben und Abfall zu sortieren. Als er dabei eines Tages dann eine Handtasche mit etwas Geld findet, ist sein Glück nur von recht kurzer Dauer. Am nächsten Tag sucht die Polizei nach der Tasche.

Raphael ist schlau. Er weiß, dass ihm mehr in die Hände gefallen sein muss als ein paar Reais. Gemeinsam mit seinem Freund Gardo und dem gleichaltrigen Außenseiter Rato versucht er, das Geheimnis seines Fundes zu lüften – und kommt dabei einem Korruptionsskandal auf die Spur, der sich bis in die obersten Politikerränge zieht.

Andy Mulligans Roman „Trash“, auf dem dieser Film basiert, stand vor vier Jahren auf der Shortlist des englischen Kinderbuchpreises Blue Peter Book Award. In letzter Sekunde nahm die Jury das Buch aber aus dem Rennen, mit der Begründung, dass Teile der Handlung zu gewalttätig für Kinder wären. Das ist eines von mehreren Problemen, die auch die Verfilmung von Stephen Daldry („Billy Elliot – I Will Dance“, „Der Vorleser“) plagen.

Um die Dialoge authentischer klingen zu lassen, wurde das englische Drehbuch ins Portugiesische übersetzt. Das mag bei Filmfestivals gut ankommen – auf dem Festival Internazionale del Film di Roma wurde „Trash“ mit dem People’s Choice Gala Award ausgezeichnet –, beim englischsprachigen Mainstream-Publikum, das ungern Untertitel liest, könnte es der Film aber schwer haben.

„Trash“ beginnt als gut gelaunte Milieustudie auf der Müllkippe. Das Elend machen Raphael und Gardo durch Lebenslust und Kameradschaft wett. Das Wenige, das sie haben, teilen sie. Das Leben in den Favelas, es ist hart, aber auch irgendwie romantisch. Kein Wunder: Das Drehbuch stammt von Richard Curtis (u.a. „Notting Hill“, „Love Actually“), und der ist nicht eben bekannt für knallharten Realismus.

Doch dann kippt die Stimmung: Raphael wird entführt und minutenlang gefoltert. Er entkommt knapp mit dem Leben. Bald turnt er wieder mit seinen Freunden durch die Kanalisation und über farbenprächtig fotografierte Abfallhaufen. Die Leichtigkeit des Films ist nach dieser Szene jedoch dahin. Die jungen Hauptdarsteller Rickson Tevez, Eduardo Luis und Gabriel Weinstein können nichts dafür. Ihr Spiel ist natürlich, ihre aufgeweckte Art ansteckend. Obwohl sie davor noch nie in einem Kinofilm zu sehen waren, geben die drei Newcomer neben alten Profis (in Nebenrollen: Martin Sheen und Rooney Mara) eine gute Figur ab – was auch Stephen Daldrys Verdienst ist. Dass der Regisseur junge Talente gut in Szene setzen kann, hat er bereits mit „Billy Elliot – I Will Dance“ bewiesen, in dem der damals 14-jährige Jamie Bell brillierte.

Allerdings fehlt Daldry oft auch das Gespür dafür, wie Kinder im wahren Leben denken und handeln würden. In seiner Verfilmung von Jonathan Safran Foers „Extrem laut & unglaublich nah“ (2011) schickte er einen neun Jahre alten Jungen auf eine Schnitzeljagd durch New York, die die meisten 30-Jährigen überfordern würde. In „Trash“ nehmen es die Kids mit einem ganzen Verbrecher-Syndikat auf, stecken Prügel und Mordversuche weg wie hartgesottene Kerle. Sie haben einen unerklärlichen Gerechtigkeitstrieb, der offenbar stärker ist als Furcht und Schmerzen – und zu einem unplausiblen Ende führt.

Hätten wir es hier mit den „Drei ???“, den „Fünf Freunden“ oder der „Knickerbocker Bande“ zu tun, wäre all das nicht der Rede wert. Niemand beschwert sich, wenn die Helden in Jugendabenteuer-Geschichten überhöht dargestellt werden. Doch Daldry hat einen seltsamen Realitätsanspruch: Immer wieder streut er düstere und unnötig brutale Szenen ein. Im nächsten Moment werden sie mit absurden Handlungsabläufen wieder untergraben. So zerbröselt der Film. Er möchte Coming-Of-Age-Drama, Detektiv-Abenteuer, Sozial-Studie und Gangster-Thriller sein – und scheitert am Ende in jeder Hinsicht. Für Kinder ist „Trash“ zu hart, für Erwachsene zu seicht.

Abenteuer: GB 2014, 114 Minuten, von Stephen Daldry und Christian Duurvoort mit Rickson Tevez, Eduardo Luis und Gabriel Weinstein

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