Dokumentation

Das Kino war sein Ort

Nachruf auf einen Freund und Filmkritiker: Dominik Grafs „Was heißt hier Ende“ über Michael Althen

Einmal sagt der Vater, der gern Filmkritiker geworden wäre, über seinen Sohn, der ein ganz großer Filmkritiker geworden ist, dass er ihm, also dem Sohn, immer gesagt habe, seine Filmkritiken seien ja schön, seine Nachrufe aber seien noch viel schöner. Daran ist was Wahres dran. Und das kommt vermutlich daher, dass der Filmkritiker Michael Althen, dem Dominik Graf gut drei Jahre nach seinem Tod einen filmischen Nachruf voller Nachrufe gewidmet hat, der „Was heißt hier Ende“ heißt und viel mehr ist als ein Dokumentarfilm über einen Filmkritiker, dass Michael Althen also nirgends als in den Nachrufen auf Audrey Hepburn etwa oder Michelangelo Antonioni so sehr bei sich und dem war, was ihm Kino war.

Michael Althen war so etwas wie der Fieselschweifführer eines neuen deutschen Filmfeuilletons. Das Zentrum einer Journalistengeneration, der ersten Generation deutscher Kritiker, die sich in Hollywood-Filmen mehr zu Hause fühlte als im deutschen Kino der Autorenfilmjahre. Aus Sehnsucht vielleicht, sagt Althen in einem der überraschend vielen Althen-Filmschnipsel, die Graf in seine Dokumentation von Gesprächen mit Althens Freunden, Kollegen, mit seiner Familie, einmontieren konnte, aus Sehnsucht nach einer Jugend, die man nie gehabt hat, die man nur im Kino hatte.

„Was heißt hier Ende“ ist die Geschichte einer mustergültigen deutschen Vorstadtbürgerjugend und ihrer Fluchtpunkte, dem Kino, der großen Stadt, den cineastischen Versuchungen, die München damals bereit hielt wie vielleicht keine andere deutsche Stadt je. Die Geschichte eines Wundergläubigen, eines Hochbegabten. Von Stille ist viel die Rede. Vom Zauber, vom Regen der Bilder und der Erinnerungen. Viel auch vom Tod. Immer wieder springt Grafs Film aber dem Moribunden von der Schippe. Erzählt, lässt erzählen vom Wunder jener Welt, in die man eingesogen wird, sobald es dunkel wird. Das Kino war Althen ein idealer Ort. Er konnte bleiben und gleichzeitig fliehen.

Die Kamera schweift an seiner Sammlung von Citroen DS-Modellen vorbei. Wir sehen seine Modelleisenbahn, fahren durch ein Miniatur-München. An seiner Filmsammlung entlang, seinen Bücherregalen. Althen war ein Nachtschreiber und ein gewaltiger Leser. Was er schrieb, fing er an, wenn die Freunde betrunken in ihren Betten lagen.

Althen war kein Ideologe des Kinos, sondern ein Liebhaber, der noch an den miesesten Streifen Momente zum Staunen fand, ein Philosoph, der in Treue fest an den Erkenntniswert von Filmen fürs Leben glaubte. Und der Texte, die lustvoll und immer mit einem melancholischen Goldrand die Grenze zwischen journalistischem Kunsthandwerk und Literatur übersprangen. Und Graf liest sie vor als seien sie von Tschechow.

An Anekdoten ist „Was heißt hier Ende“ reich. Man hört sie gern. Und man vermisst ihn, obwohl man ihn gar nicht kannte. Mehr kann man mit einem Nachruf nicht erreichen.

Dokumentation: D 2015, 127 Minuten, mit Michael Althen, Christian Petzold

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