Thriller

Die Verschwörung hinter der Geschichte

„Die Lügen der Sieger“ erzählt vom Journalismus – und vom Verlust seiner Unschuld

Wie diese Kamera die Welt sieht, das ist die eigentliche Sensation an diesem Film. Es ist eine verspiegelte Welt mit kaltem Licht, die wir in schnellen Schnitten aus seltsamen Winkeln sehen. Fast scheint es, als würde die Geschichte nicht aus einer menschlichen Sicht erzählt, sondern aus der Perspektive von Überwachungskameras, Bewegungsmeldern und Erkennungssensoren. Die Schauspieler werden nicht begleitet, sie werden regelrecht gescannt – und doch bleibt immer ein Geheimnis zurück, ein Rätsel im Hintergrund, eine Geschichte hinter der Geschichte. „Die Lügen der Sieger“ erzählt von einer Gegenwart, in der alles gesehen, aber nur wenig durchschaut werden kann. Diese Gegenwart ist die unsere.

Experimentelle Kameraführung wird schnell anstrengend, wenn sie nur um ihrer selbst willen erfolgt. Hier aber steht sie streng im Dienst des Geschehens. Es ist ein Journalistenkrimi, den wir sehen, und er bedient sich großzügig der Klischees des Genres: Da ist der ewig verkaterte, einsame Reporter, der sich morgens aus seinem Bett wälzt, Kopfschmerztabletten einwirft, den Laptop hochfährt und immer einer heißen Story auf der Spur ist. Florian David Fitz spielt den spielsüchtigen Fabian Groys fast als Parodie auf all die kaputten Typen, die ihre Nase in heikle Angelegenheiten stecken – Sportwagen inklusive. Dann ist da die junge, unerfahrene Volontärin (Lilith Stangenberg), die ein wenig tantig angezogen ist und dem muffigen Alphatier an die Seite gestellt wird. Der halbseidene Redaktionsleiter, der schon gierig auf die nächste Enthüllung wartet. Und so weiter.

Doch seine Stärke gewinnt Christoph Hochhäuslers Film nicht anhand seiner Charaktere oder durch psychologische Tiefenbohrungen. Es ist der verwickelte, spannende Plot, der dieser Geschichte ihren Sog verleiht. Groys interessiert sich für Verteidigungspolitik. Er recherchiert darüber, wie Kriegsinvalide aus den Statistiken der Bundeswehr verschwinden. Die Geschichte gerät ins Straucheln, als sein Informant von Skrupeln befallen wird. Aber ist es wirklich so? Wir sehen die geheimen Treffen in Berlin durch den Sucher einer Überwachungskamera. Wer steuert sie und warum?

Dann ist da noch die Praktikantin. Groys will sie erst einmal abwimmeln. Er reicht ihr die Boulevardzeitung: Ein Mann hat sich in ein Löwengehege gestürzt und wurde dort totgebissen. Sie soll dem „mal nachgehen“, wie man in Journalistenkreisen gern sagt. Aber hier noch so eine Lehre aus Journalistenkreisen: So manch nerviger Auftrag entwickelt sich im Lauf einer Recherche zu einer spannenden Geschichte. Denn Nadja findet heraus, dass hinter dem Suizid ein handfester Vergiftungsskandal bei einer Recyclingfirma im Ruhrgebiet steckt.

Doch Hochhäuslers Film ist zu intelligent, um uns nur die Geschichte einer aufregenden Enthüllung zu erzählen. Wie auch die US-Serie „House of Cards“ verabschiedet er den Glauben an Journalismus als unabhängige, unbeeinflussbare Instanz. Vielmehr steht er im Einfluss und im Fadenkreuz anderer Systeme aus Politik, Wirtschaft und Lobbyismus. Eine dubiose Agentur verfolgt die Recherche der beiden und führt insgeheim Regie. Das könnte man als den üblichen verschwörungstheoretischen Nonsens abtun – aber die Frage lautet auch, ob nicht das strahlende Leitbild des unfehlbaren Investigativreporters die Chimäre ist, der besonders Journalisten gerne immer wieder aufsitzen.

Die Reise nach Gelsenkirchen jedenfalls vernebelt die Lage noch zusätzlich. Doch in den Schwaden aus Andeutungen und Vermutungen zeichnen sich die Umrisse einer großen Geschichte ab: Hat die Bundeswehr ihre psychologisch belasteten Soldaten aus Kriegseinsätzen in der Recyclingfirma ruhiggestellt?

Die Story bleibt voller Spekulationen, und doch schafft sie es auf den Titel. Dass sie nicht wahr ist und nur das Ergebnis strategischer Manipulation, ist am Ende vollkommen klar. Christoph Hochhäuslers wunderbarer Film transportiert das zutiefst pessimistische Bild einer Welt, über die es keine zutreffenden Aussagen mehr gibt. Einer Welt, in der alles gesehen, aber nichts durchschaut werden kann.

Thriller: D 2015, 112 Minuten, von Christoph Hochhäusler, mit Florian David Fitz

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