Zwölf Stunden

Grüner geht’s nicht

Der Botanische Volkspark Blankenfelde ist eine ökologische Oase im nördlichen Pankow. Bereits seit 1908 ist das weitläufige Areal Schulgarten, Naturstation und Erholungspark zugleich

07:35 Wer den Botanischen Volkspark Blankenfelde betritt, flaniert zunächst die sogenannte „Blütenachse“ des Parks entlang, der von den Mitarbeitern der Nordberliner Werkgemeinschaft gepflegt wird. Tilo Tramontin ist schon früh zugange und beschneidet die Bäume entlang des Weges im Sinne der Gartenästhetik. „Oder anders formuliert, wir gestalten das Lichtraumprofil der Blütenachse.“ Das freut auch die Hecke, die unter den herabhängenden Zweigen nicht mehr wachsen konnte.

08:45 Demnächst sollen etliche Staudenbeete neu gestaltet werden. Deswegen begeht Parkmanager Rainer Bohm die betreffenden Flächen mit Mitarbeitern der Naturschutzbehörde. Sie werden prompt fündig: Äußerst seltene Habichtskräuter wachsen auf dem Areal, die es zu retten gilt. „Das heißt, dass wir die ‚Soden’, also die Pflanzen samt Wurzeln, ausgraben, sie hegen und pflegen und nach der Neugestaltung der Beete wieder hier einbringen müssen“, sagt Bohm.

10:15 Kräuterpädagoge und Ausbilder Stefan Ludwig streift mit einer Gruppe Berufsschüler durch den Park und gibt eine Unterrichtseinheit in Pflanzenkunde. Die angehenden Gartenlandschaftsbauer stehen kurz vor ihrer Abschlussprüfung. Ludwig erklärt ihnen die Hopfenpflanze. „Die äußersten Spitzen kann man so wie sie sind abknabbern, das ist der sogenannte Hopfenspargel“, sagt Ludwig. „Schmeckt überhaupt nicht wie Spargel, ist mit Zwiebeln angebraten und in Butter geschwenkt aber eine Delikatesse.“

11:00 Das Café Mint öffnet. Tom Rolleston muss nicht lange auf die ersten Gäste warten, die sich auf seine Torten in verführerischen Geschmacksvariationen freuen. Sorten wie Zitrone-Holunderblüte, Erdbeer-Buttermilch oder Mohn-Sanddorn hat er im Angebot „Aber berühmt bin ich für meine Scones“, sagt Rolleston. Dieses typisch britische Gebäck wird mit „clotted cream“ – geronnener Sahne – und Marmelade und typischer Weise zur Tea Time gereicht. „Man muss den Gästen einen Grund geben wiederzukommen.“

12:40 Für die Erstellung eines Pflege- und Entwicklungsplans für das Landschaftsschutzgebiet Blankenfelde kartiert Ornithologe Jens Scharon die ansässige Vogelwelt. Im Schatten der Obstbäume an der alten Pflaumenallee beobachtet er durch sein Fernglas Singvögel. Vor allem benötigt er für die Kartierung aber seine Ohren. „Gerade eben habe ich eine Nachtigall, vorhin eine Mönchsgrasmücke und heute früh einen Gelbspötter gehört“, sagt Scharon „Derzeit ist die Gelegenheit günstig, weil viele Vögel ihre Reviergesänge hören lassen.“ Nach sechs Begehungen kann Scharon die Vogelkarte anfertigen.

13:20 Der Freischneider, den Christian Beutel auf den Schultern hängen hat, läuft mit Benzinmotor. Wenn er damit einen Maulwurfhügel streift, staubt es mächtig auf der Wiese vor der schon historischen geologischen Wand. Das passiert aber nur nebenbei, denn Beutel hat es vielmehr auf das Unkraut am Rand der Grünfläche abgesehen. Die geologische Wand stellt einen idealisierten Schnitt durch die obersten Schichten der Erdkruste Mitteleuropas dar und steht seit mehr als 100 Jahren dort.

14:00 Daniel und Susann Zoglauer überwachen die Vorbereitungen für ihre Gartenparty persönlich, gerade wird hinter dem verglasten Café ein Zelt auf die Wiese gestellt. „Am Nachmittag werden wir in dem wunderschönen Garten feiern, später drinnen weitermachen“, sagt Susann Zoglauer.

14:50 Gierig drücken die Rotwildweibchen ihre Mäuler durch den Zaun, wenn ihnen Anna, 4, mit ein wenig Wiesenklee in der Hand ihre Ärmchen entgegenstreckt. Das Wildtiergehege ist für Kinder natürlich ein Anziehungspunkt im Park, die eigenhändige Fütterung macht Anna sichtlich Spaß.

15:30 Mit Rauch besänftigt Daniel Bauer seine Bienen, bevor er die Waben zur Hand nimmt und die Reife des Honigs prüft. Seine etwa 20 Völker sind in diesem Jahr bereits sehr fleißig gewesen. Mit dem Finger macht er kurzerhand die Probe aufs Exempel, drückt ein paar Waben ein und verkostet die frische Ernte. „Lecker, das ist der typische Frühlingshonig“, sagt Bauer. Bei ihm kann man das Imkerhandwerk von der Pike auf lernen, er gibt regelmäßig Imkerkurse.

16:20 Maya Patzke und Melanie Vraux pflücken Brennnesseln. „Viel eisenhaltiger als Spinat und man kann daraus auch herrliche Chips machen“, sagt Vraux. Die beiden Pflanzenpädagoginnen geben Kurse zu Pflanzenwissen und Wildkräutern im Park, sondieren das Terrain für ihre nächste Gruppe. „Ein Schwerpunkt ist sicheres Sammeln, damit nicht das Falsche im Salat landet“, sagt Patzke und zeigt auf eine giftige Schierlingspflanze. „So wie die hier haben viele Pflanzen schwer zu unterscheidende Doppelgänger und sind nur an Details genau zu erkennen; der Schierling zum Beispiel an kleinen roten Flecken am Stiel.“

16:50 Im gläsernen Gewächshaus drängen sich exotische Arten: Paradiesvogelblumen, Affenbrotbäume oder südamerikanische Kakteen. Derzeit schaut Nico Albrecht regelmäßig nach dem Selenicereus grandiflorus, besser bekannt als ‚Königin der Nacht’. Schließlich will man nicht die einmalige Pracht verpassen, die dieses Kakteengewächs berühmt gemacht hat: Jeweils eine einzige Nacht nur geht jede Blüte auf. Lange wird es nicht mehr dauern, die täglich größer werdenden Knospen kündigen das Naturschauspiel schon an.

18:10 Auf dem Wirtschaftshof hat Max von Grafenstein zwei Baumstümpfe aufgeladen. „Das sind die Überreste von zwei Bäumen, die vom Wind leider umgeknickt wurden“, sagt er. Wenn er nicht gerade seinen Kollegen aushilft, bewirtschaftet er seinen Bauerngarten im unteren Park. Dort vermietet von Grafenstein einzelne Parzellen auf kreisrunden Anpflanzungen, sorgt für die fachmännische Bepflanzung, steht Pächtern und Hobbygärtnern anschließend mit Rat zur Seite. Nach der Arbeit ernten Städter dort in den Abendstunden ihr eigenes Biogemüse.

Botanischer Volkspark Blankenfelde Blankenfelder Chaussee 5, geöffnet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, Eintritt ein Euro (ab 14. Lebensjahr, davor ist der Eintritt kostenlos)