Ausflugs-Tipp

„Das hier ist überwältigend“

Ein Rundgang mit den Besuchern am ersten Tag der offenen Baustelle im Humboldt-Forum

Das Berliner Stadtschloss hat vieles miterlebt: Fürstengelage, Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, die Sprengung durch das SED-Regime. Dass allerdings eines Tages Besuchermassen bei indischem Curry und Limonade durch seine Hallen flanieren würden, das hätte damals wohl keiner vermutet. An diesem Wochenende öffnet die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum für zwei Tage die Tore zum Rohbau.

Schon um halb zehn stehen die Menschen am Sonnabend Schlange vor dem Eingang. Die Junisonne brennt auf den Schloßplatz herunter. Gleich werden sie strömen, in ein Museum, das eigentlich noch keine Kunstwerke beherbergt und bis jetzt noch nicht einmal Fensterscheiben hat: zufällige Passanten, gebürtige Berliner, Kunstinteressierte warten am Tor. Manche der Besucher sind nur für den Tag der offenen Baustelle nach Berlin gekommen. So wie Familie Sänger aus Ratekau in Schleswig-Holstein. „Gestern Abend sind wir angereist“, sagt Björn Sänger. „Wir sind hier, weil wir es einfach toll finden, dass die Hauptstadt ihr Schloss wiederbekommt.“

Die ersten Besucher schieben sich über den Vorplatz: vorbei an den Infoständen der Stiftungen, vorbei an den Pavillons mit den Spendersteinen aus Ton. Ein paar Schritte durch das Betontor des Gebäudes – und sie treten in eine lichtdurchflutete, mehrstöckige Halle. Eine Treppe führt ins Obergeschoss, wo das künftige Museum des Ortes Schlosspläne und Fotografien zeigt, Freunde und Förderer des Humboldt-Forums Fragen beantworten. Viele der Besucher kennen noch den originalen preußischen Herrschaftssitz, wenn auch nur stark zerstört. Karl-Heinz Kluge zum Beispiel, der an diesem Sonnabend seinen einjährigen Urenkel auf der Schulter durch den Rohbau trägt. 18 Jahre war er alt, als das SED-Regime die Sprengköpfe am Schlossplatz zünden ließ und ihn damit für mehr als ein halbes Jahrhundert von der Museumsinsel löschte. „Ich hab das alles mitbekommen: Wie sie hier aufmarschierten, wie sie das Schloss abgerissen und den Schutt weggeräumt haben.“ Er hat auf einer Bierbank beim Essensausschank Platz genommen, neben den Pavillons mit orientalischem Curry und Israeli Food. „Das hier ist überwältigend“, sagt der 83-Jährige. „Eine Wiedergutmachung.“

Den Schacht des ehemaligen Treppenhauses hat er sich schon angesehen. Ein Skulpturensaal wird dort ab 2019 originale Figuren des Bildhauers Andreas Schlüter und Fassadenteile des Schlosses zeigen: Rund 100 Bildhauer und Steinmetze arbeiten deutschlandweit an den Sandsteinskulpturen. Karl-Heinz Mohr, Leiter für Hochbau, steht Rede und Antwort für Fragen: „Was ist das für Material?“ – „Kommt zuerst der Gips oder der Ton?“ – „Was für Vorlagen haben Sie?“ Die meisten Fragen drehen sich um die genaue Rekonstruktion der Skulpturen. Und die ist laut Mohr nicht einfach: „Die alten Substanzen sind zwar oft gut belegt. Aber es gibt keine Pläne mehr, nur Fotografien.“

An der Wand zum Innenhof haben die ersten Besucher auf Tonkarten die Eindrücke ihres Besuchs festgehalten. „Schön, dass das geeinte Deutschland das wiederaufgebaut hat, was die DDR zerstört hat“, heißt es auf einem der Zettel. Ein paar wenige äußern sich aber auch kritisch: „Berlin ist nicht nur Kultur.“ Auch Tilo Bride (44), Familienvater aus Berlin, hatte anfangs so seine Probleme: „Ich war etwas skeptisch, als der Palast der Republik abgerissen wurde.“ Allerdings: „In das Gesamtbild der Museumsinsel passt das richtig gut.“