Fantasy

Leckeres Menschenfleisch

Die meisten Dinosaurier sind kuschlig drauf, aber nicht allen sollte man trauen: „Jurassic World“

Ein Mann in der Zentrale, in der auf Bildschirmen der Dinosaurierpark-Besucher beobachtet wird, trägt ein schwarzes Shirt, auf dem das Emblem von „Jurassic Park“ abgedruckt ist. Bei Ebay habe er es erstanden, erzählt er mit einigem Besitzerstolz. Will sagen: „Jurassic Park“ ist so retro.

Fehler sind dazu da, wiederholt zu werden. Das ist der Stoff, aus dem Fortsetzungsfilme gemacht werden. Die Message bleibt die Gleiche – in diesem Fall: „Spiele niemals mit dem Genmaterial der Tiere rum“ –, aber die Filmtechnik ist natürlich besser geworden und die Dialoge in ihrer gelegentlichen Ironie zeitgeistiger als 1993, als die Dino-Spiele mit „Jurrasic Park“ begannen.

Mit „Jurassic World“ kommen zum vierten Mal die Dinosaurier aus dem Hause Spielberg in die Kinos. Dieses Mal ist er Executive Producer, also der, der am Ende seinen Kopf dafür hinhält, falls es schief geht. Dem unerfahrenen Colin Trevorrow hat er die Regie überlassen. Das war kein Fehler. Trevorrow ist ein unterhaltsamer und kurzweiliger Spielfilm geglückt. Er ist angenehm kitschig und nimmt sich nicht ernst. Es geht hier nicht um den gesamten Planeten, der kurz vor dem Untergang steht. Es ist lediglich ein Vergnügungspark, in dem die Dinge durcheinandergeraten.

Gray (Ty Simpkins) und Zach (Nick Robinson) sind Brüder. Zach ist mittendrin in der Pubertät und würde als Hobby „Mädchen anglotzen“ angeben. Bedauerlich nur, dass er auf seinen kleinen Bruder aufpassen muss. „Du bist nicht fünf“, raunzt ihn Zach irgendwann an, was für den Kleinen sicherlich eine Überraschung ist, denn genau so benimmt er sich.

Er ist ganz wild auf Dinosaurier und zerrt ohne Unterlass an seinem Bruder ab der Sekunde, in der die beiden den Freizeitpark besichtigen. Eigentlich sind sie von daheim abgeschoben worden, das weiß auch der kleine Gray. Die Eltern wollen in Ruhe die Scheidung vorbereiten, das erzählt er in einer herzzerreißenden Szene, in der er in Tränen ausbricht.

Auf die Kinder aufpassen müsste ihre Tante Claire (Bryce Dallas Howard), die aber ihren Job deutlich interessanter findet als Jungs hüten. Sie ist Managerin des Parks und beschäftigt sich damit, wie die Besucherzahlen gesteigert werden können. Daher experimentieren die werkeigenen Forscher an der DNA der Drachen rum, die in der Regel im Kuschelmodus laufen. Ein Monster-Drache jedoch reißt sich den GPS-Chip aus der Haut und geht stiften. Der Drache ist ungemein schlecht drauf ist und fällt über seine Artgenossen wie über Menschen her. Es liegt in der Natur der Geschichte, dass dieses Tier auch das Gebrüderpaar entdeckt, jagt und wahnsinnig gerne aufessen möchte.

Claire lässt es sich trotz Mehrfachbelastung nicht nehmen, sich neu in Owen (Chris Patt) zu verlieben. Er ist der Dino-Trainer des Jurassic Park, muskelös, gutaussehend, weiß Gott kein Plauderer. Nach der ersten gemeinsamen Nacht, die schon ein bisschen zurückliegt, hatten sie sich nichts mehr zu sagen, aber wenn so ein Indominus Rex Amok läuft, kommen die Themen von allein.

Der Film ist spannend und das, obwohl man natürlich weiß, wie es ausgehen wird und gegen Mitte des Films lediglich offen ist, welche Nebenfigur verspeist wird. Handwerklich ist der Jurassic Park so authentisch, dass man sich eher wundert, dass es ihn noch gibt. Es geht nicht ohne eine zweite Ebene, selbst bei einem Abenteuerfilm. Zum einen soll uns der Film gemahnen, wie klein und unbedeutend wir doch sind. Im Vergleich zu Dinosauriern. Und auch sonst so. Zum anderen klagt er das Verwertungsinteresse des Kapitals an. Die Rolle übernimmt Vic (Vincent D’Onofrio). Der Sicherheitschef erkennt, dass ein um sich mordender Dino „eine Goldmine“ für die Militärindustrie sei, den man – bei besserer Führung – gern an seiner Seite weiß.

Aber der von Profitgier getriebener Kapitalist hat keine Chance. Das weiß man in Hollywood. Dort arbeitet ja keiner, um Gewinne zu machen.

Fantasy: USA 2015, 124 min., von Colin Trevorrow, mit Chris Platt, Bryce Dallas Howard, Irrfan Khan, Vincent D’Onofrio, Omar Sy

++++-