Biopic

Der erste Beach Boy

Brian Wilsons Lebensgeschichte erzählt von Genie und Wahnsinn: „Love & Mercy“

Sechs Schauspieler waren 2007 im Film „I‘m Not There“ damit befasst, Bob Dylan darzustellen. Als Brian Wilson von den Beach Boys sind in „Love & Mercy“ zwei beschäftigt. Einer spielt den jungen Brian der 60er-, der andere den mittelalten Brian der 80er-Jahre. Eines der zwei Biopics in diesem einem ist rundum geglückt, das andere weniger.

Zuerst das bessere: Paul Dano hat sich für den frühen Brian ein Bäuchlein angefuttert, über dem er die zu knappen Kurzarmpullis von den Beach-Boys-Bildern trägt, man glaubt ihm jeden Panikanfall, den er auf Konzertreisen erleidet, jede musikalische Vision, die sich seiner bemächtigt, und auch jedes Lied, ganz gleich, ob er es selbst singt oder ob er nur den Mund zu alten Demoaufnahmen bewegt. Das schlechtere: John Cusack soll der spätere Brian sein. Verstört trottet er durch den Film in unförmigen Hemden oder Bademänteln, nuschelt heiser vor sich hin und spielt die edle Einfalt und die stille Größe so, wie sich das alle wünschen, die es rührend und romantisch finden, wenn ein Künstler über seiner Kunst verrückt wird.

„Love & Mercy“ spart die 70er-Jahre aus, die Zeit zwischen den Beach Boys und der Wiederauferstehung ihres Schöpfers als Solist – die 70er, die er bei zugezogenen Vorhängen, allen Legenden nach, im Bett verbracht hatte. Der Film beginnt damit, dass Brian, seine Brüder und der Rest der Band die Bilder für „Surfin‘ Safari“ aufnehmen, auf ihrem ersten Album tragen sie noch Surfbretter über den Strand. Dann fliegt die Band nach Japan, ohne Brian, der die Musik in seinem Kopf allein im Studio zum Klingen bringen und die Beatles überflügeln will. Die Band kehrt heim, bei „Pet Sounds“, dem noch heute schönsten Album der Musikgeschichte, weil es jeder anders hört, spielt sie noch mit. Bei „Smile“ verweigert sich die Band den Hymnen und wünscht sich von Brian wieder Hits, was ihn in Drogen und Düsternis verschwinden lässt.

Die Heldin heißt Melinda Ledbetter, seit 20 Jahren ist sie Brian Wilsons Frau, und deshalb wirkt der zweite Film in diesem Film nicht ganz so überzeugend wie der erste: Zwischen Landy, der von Paul Giamatti diabolisch und sadistisch bis zur Parodie verkörpert wird, und Ledbetter, in deren Rolle als Erlöserin Elizabeth Banks in Güte und Geduld geradzu erstarrt, kann sich John Cusack nur bewegen wie ein trauriger Tropf. Im Autohaus begegnet Brian sein Engel. Er steckt ihr eine Visitenkarte zu, auf der er, weil ihn Landy überwacht, heimlich notiert, wie einsam und verängstigt er sich fühle. Sie verliebt sich in ihn, weil kein Mann jemals so ehrlich zu ihr war.

Es gibt sogar noch einen dritten Film im Film, eine Art Dokufiction, die das allerbeste ist in „Love & Mercy“. Wenn die Farben Kaliforniens flauer werden, sitzt der junge Brian ganz bei sich und seinen Stücken am Klavier, nimmt seine großen Alben auf, im Sand, den er vom Strand ins Studio geschippt hat, und im Swimmingpool, hängt Haarnadeln in seinen Flügel, spielt mit Hupen und mit Hunden, unternimmt mit Drogen Ausflüge in sein Gehirn und an die Grenzen seines Geistes, und Charles Manson sitzt an seiner Tafel neben Van Dyke Parks. In einem amerikanischen Albtraum, in dem nicht einmal Brian Wilson wusste, wer Brian Wilson war und wie viele es davon gab.

Biopic: USA 2014, 120 min., von Bill Pohland, mit Paul Dano, John Cusack, Elizabeth Banks

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