Drama

Odyssee durch eine lange Nacht

140 Minuten ohne Schnitt – so roh, so pur, so wahr kann Kino sein: „Victoria“ von Sebastian Schipper

Dranbleiben. Als wir diesen Film das erste Mal auf der Berlinale sahen, in einer Spätvorstellung, für viele der dritte, vierte Film des Tags, da standen einige schon nach einer Viertelstunde entnervt auf und verließen den Saal. Dummes Gequatsche. Delirierende Kamera. Eine junge Spanierin sucht vergeblich Kontakt in einem Berliner Club, bis sie dann auf der Straße von vier Jungs angequatscht wird, denen sich niemand mit gesundem Menschenverstand anschließen würde. Wo soll das hinführen?

Diese Geduld muss man schon aufbringen. Durch dieses Tal muss man gehen. Denn danach wird man mehr als belohnt. Nach etwa 20, 25 Minuten sitzt das Mädel (eine Entdeckung: Laia Costa) mit einem der Jungs (Frederick Lau) in einem Café und spielt plötzlich hochvirtuos eine Klaviersonate. Da bricht uns das Herz zum ersten Mal. Dann bricht sie in Tränen aus, weil sie mal Klavierspielerin werden wollte. Da bricht uns das Herz zum zweiten Mal. Und fortan können wir nicht mehr lassen von diesen Figuren.

Was für eine schauspielerische Leistung! Eben noch so rumgelabert, dann ein Moment der absoluten Hingabe und plötzlich dieser Gefühlsausbruch. Und das, wohlgemerkt, alles in einer einzigen Einstellung. Ohne die üblichen Schnitte, bei denen man jede Szene zig mal wiederholt und dann den besten Take nimmt. Nein, von Anfang an ist die Handkamera von Sturla Brandth Groven immer ganz nah an diesen fünf jungen Menschen, klebt fast an ihnen, umschwirrt sie, und man ahnt schon, sie wird das weiter tun, wird sie durch die ganze Nacht begleiten. Man weiß nur noch nicht, was diese scheinbar so unschuldige Nacht noch so an Fallhöhen zu bieten hat. Plötzlich tauchen nämlich ein paar finstere Gestalten auf und zwingen einen der Jungs, den sie mal im Knast beschützt haben, zu einer „Gegenleistung“. Und aus der Angst heraus, aber auch aus dem Gefühl, wirklich zusammenzugehören, willigen sie schließlich ein. Was natürlich schief geht. Und zu einem komplett anderen Film wird.

Was für ein Wurf, was für ein Wahnsinn. „Ein Mal radikal sein“, dachte sich Regisseur Sebastian Schipper, „der blanken Auge ins Angst sehen.“ Oft genug hat er als Schauspieler selbst in routinierten Filmen nach Schema F mitgespielt, hat noch mehr davon im Kino gesehen und sich geärgert, wie langweilig, wie vorhersehbar, wie durchschnittlich das meist ist. Aber er hat sich damit eben nicht abgefunden. Hat sich entschieden, alles zu wagen. Und etwas ganz Anderes, Neues zu riskieren.

Pfeif auf das Drehbuch. Pfeif auf wohlfeil ausgeleuchtete Sets. Pfeif auf x-mal durchgespielte Wiederholungen. Schipper entwarf ein gerade mal 12 Seiten dünnes Script, fand mutige junge Schauspieler und probte mit ihnen einige Nächte, bevor dann Kamera- und Tonmann dazu kamen. Eine irre Odyssee durch eine ziemlich triste, aber unverbrauchte Ecke von Neukölln, das kürzere Ende der Friedrichstraße. Ein zweieinhalbstündiger Trip ohne Pause, ohne die Möglichkeit, es noch mal, es besser zu machen. Wenn gepatzt wurde, musste das überbrückt, musste das ins Spiel mit eingebracht werden.

Drei Nächte hindurch wurde am Stück gedreht, der letzte der Filme wurde genommen. Das ist eine filmhistorische Sensation. Erst einmal ist es gelungen, einen ganzen Film am Stück zu drehen, in „Russian Ark“, aber das war in geschlossenen Räumen. Schipper wählte für seinen One-Taker dagegen die offene Straße, bei der jederzeit auch etwas Unvorhergesehenes passieren konnte.

Der Zuschauer kann sich deshalb nicht routiniert im Kinosessel zurücklehnen, weil er das alles schon x-mal gesehen hat. Diese Unmittelbarkeit der Inszenierung und des Spiels, diese unverfälschte Direktheit überträgt sich ganz auf ihn. Der Zuschauer bangt und schwitzt plötzlich mit den Figuren mit, als wären sie ganz real, und spürt einen Adrenalinstoß, wie man das sonst nie erlebt.

„Victoria“ ist nicht nur der Berlin-Film des Jahres. Auch wenn wir erst die Hälfte erreicht haben, sagen wir schon kühn voraus, dass nichts Besseres mehr kommen wird in diesem Kinojahr. Schippers Film sendet eine klare Botschaft aus: Nicht noch mehr Effekte. Nicht noch mehr Budget. Einfach kleine Geschichten ganz unverfälscht, ganz lebensnah erzählen. So kann Kino sein. Roh, pur, echt.

Drama: 140 min., von Sebastian Schipper, mit Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Max Mauff

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