Drama

Die Hand an der Wiege

Ein Polizist verliert sein Kind und will dafür ein anderes retten: „Zweite Chance“

Was aus Kindern wird, hängt, das haben wir diese Woche ja wieder gelernt, nicht von der Rasse ab. Es hängt von der Klasse ab, in der sie aufwachsen. Von den gesellschaftlichen Umständen, von den Chancen, teilzuhaben an Bildung, an Kultur. Deshalb steht man immer wieder da und wird ganz traurig, auf dem Spielplatz und in der U-Bahn. Und möchte was tun, für die Kleinen, für deren Zukunft man schwarz sieht, weil man sieht, wie wenig sie teilhaben werden an allem, was heute für einen Aufstieg nötig ist.

Wir alle können Andreas verstehen. Andreas ist Kommissar. Und jene Figur, die Susanne Bier, Dänemarks Oscar-Preisträgerin und Ex-Dogmatikerin, in ihrer neuen moralischen Zwickmühle „Zweite Chance“ zermalmt.

Die Lage ist die: Andreas ist gerade Vater geworden. Sie wohnen schön. Das Wasser spiegelt fein den Mond. Alexander heißt der Kleine. Er schreit viel. Die Mutter ist blass. An Schlaf ist selten zu denken. Wenn Alexander schreit, muss einer raus gehen und rumfahren. Das beruhigt den Kleinen. Das kennt fast jeder. Und dann tritt Andreas die Tür zur Wohnung eines Mannes am ganz anderen Ende der sozialen Leiter ein. Die Büchse der Pandora öffnet sich, wie sie sich immer bei Susanne Bier öffnet. Dort drinnen findet Andreas das schwarze Spiegelbild seines Sohns. Das Kind ohne Chance heißt Sofus, liegt in einer Obstkiste, vollgekotet bis zum Haar, abgelegt im Kleiderschrank, schreiend, während der Vater eine Spritze aufzieht, um die Mutter auch abhängig zu machen. Die Aussichten, dass Sofus in den Vorstand eines dax-notierten Unternehmens kommt, sind noch schlechter, als wäre er eine Frau.

Niemand kann Menschen in Filmen besser an den Rand ihrer moralischen Belastbarkeit führen als Susanne Bier. Beinahe jeder ihrer Filme (von der Komödie „Love is all you need“ abgesehen) gleicht einem Belastungstest. Eigentlich hat dabei keiner eine Chance. Ein paar nutzen sie. Insofern ist „Zweite Chance“ geradezu das Musterbuch für einen Bier-Film. Nackter war das Programm, das sie verfolgt, nie zu sehen.

Das führt dazu, dass man Biers Rückkehr in die dänischen Studios nicht nur menschlich schwer aushält, sondern auch ästhetisch. „Zweite Chance“ ist ein ziemlich didaktisches Ding geworden. Großartig gefilmt, großartig gespielt. Und trotzdem geht es einen merkwürdig wenig an. Weil man zu offensichtlich weiß, was mit einem wie gemacht werden soll. „Zweite Chance“ sieht aus, als hätten der „Spiegel“ und das Arbeitsministerium zusammengelegt für einen Lehrfilm zum Thema „Was kann man tun gegen das Elend, wie weit kann man gehen“.

Denn darum geht es. Irgendwann nämlich liegt Alexander tot in der Wiege. Plötzlicher Kindstod. Soll ja vorkommen. Die Mutter, randneurotisch, bricht zusammen. Andreas überlegt nicht lange. Er tut etwas gegen das Elend und für sein Leben. Er will nur das Beste. Er tauscht die Kinder aus.

Bier und ihr Standardzwickmühlenerfinder Anders Thomas Jensen springen zwischen den gesellschaftlichen Ebenen, zwischen den sozialen Räumen. Der Mond scheint finster übers Wasser. Ein Kriminalfall entwickelt sich. Es wird ermittelt. Wenig wird gesprochen. Groß sieht man die Gesichter. Was Nikolaj Coster-Waldau (der sowas in „Game of Thrones“ nie machen darf) da anstellt, wie er Verzweiflung aufziehen lässt, wie sich das Entsetzen in sein smartes Gesicht schneidet, das ist grandios. Und alle, das ganze großartige Dänenensemble von Ulrich Thomsen bis Peter Haber, spielen mit. Man sieht sie gern. Selten kam man ihnen so nah. Blickt ihnen in die Augen. Und alle halten mit. Gerade auch das bisherige Victoria-Secret-Unterhosen-Model May Andersen, die als Junkie-Baby-Mutter vor keiner Hässlichkeit zurückschreckt.

Andreas, der gern der Alleserlöser wäre, muss natürlich scheitern. Dass die zweite Chance keine ist, sondern zu Krümeln zerbröselt die Biersche Moralmühle verlässt, wird einem schnell klar. Allzu schnell. Der Rest ist Erzählmechanik. Am Ende tut Susanne Bier, was sie gern tut, damit wir Spielplatzmelancholiker nicht allzu gramgebeugt das Kino, diese ethische Anstalt, verlassen. Sie lässt die Sonne aufgehen über dem See. Der Rest ist Kitsch. Und Schweigen.

Drama: DK 2014, 98 min., von Susanne Bier, mit Nikolaj Coster-Waldau, Ulrich Thomsen, Marie Bonnevie, Nikolaj Lie Kaas

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