Endzeitdrama

Das Imperium des Realen schlägt zurück

Nach 30 Jahren geht die postapokalyptische Saga in eine neue Runde: „Mad Max: Fury Road“

Wer die Geduld aufbringt, sich die Abspänne moderner Filme anzutun, die Heerscharen digitaler Techniker aufführen, wird bei „Mad Max: Fury Road“ eine Überraschung erleben: Der Abspann ist nicht kürzer, wimmelt jedoch von Schreinern, Prothesenbauern und Automechanikern. Das Comeback des post-apokalyptischen Helden besteht zu 90 Prozent aus dem, was die Branche „praktische Effekte“ nennt, also Spezialeffekte, die nicht aus dem Computer stammen: Das Imperium des Realen schlägt zurück. Spielt es eine Rolle, ob ein Monstertruck mit 2000-PS-Motor durchs Bild donnert oder genügt ein digitales Scheingefährt? Muss Tom Hardy als Mad Max wirklich kopfüber zwischen zwei rasenden Autos pendeln, reichte es nicht, ihn vor eine blaue Trickleinwand zu hängen?

„Mad Max Fury Road“ kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich eine gewisse Digitalmüdigkeit breit macht. Die phantastischsten Welten, wir wissen, wo sie herkommen, aus endlosen Zahlenreihen von Nullen und Einsen, und dieses Wissen stumpft die Bereitschaft, uns überwältigen zu lassen, ab. Hollywood besitzt ein Näschen für diesen digitalen Überdruss, und dass Regisseur George Miller „Mad Max“ für 100 Millionen Dollar gedreht hat – komplett digital hätte er das Doppelte gekostet – ist ein Zusatzeffekt. Eine mit Digitalbrei aufgezogene Generation wird womöglich sagen, dass sie keinen Unterschied erblickt. Doch der Unterschied ist spürbar! Dies ist kein aufgemotztes Videospiel.

Ein zusammengepixelter „Mad Max“ wäre ein Widerspruch in sich. Schließlich befinden wir uns irgendwo jenseits des Jahres 2060, in dem die moderne Zivilisation zusammenbrach, und es gibt in „Fury Road“ keinen Computer, kein Handy, keinen Strom.

George Millers „Mad Max“-Trilogie aus den frühen 80ern ist – im Vergleich zu den zeitgleichen „Krieg der Sterne“- und „Indiana Jones“-Serien – ziemlich aus dem Blickfeld geraten, völlig zu Unrecht. Im ersten „Mad Max“ ging es um den Kollaps der staatlichen Ordnung, in „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ waren sie hinter den letzten Benzinvorräten her, und „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ wimmelte von falschen Führern und Propheten.

Von diesen konkreten Nachkatastrophen-Welten ist im vierten Teil wenig übrig geblieben. Der Herr des Wassers sitzt auf einer Felsenfestung in der Wüste und pumpt den darbenden Untertanen einmal am Tag flüssiges Nass in flehend ausgestreckte Schalen; seine Armee besteht aus abenteuerlichen Gestalten, deren höchstes Vergnügen darin besteht, in kruden Vehikeln durch die Wüste zu brettern. Worum es dieser Gesellschaft eigentlich geht (außer ums Überleben), ist erheblich schwieriger festzumachen als in den alten Filmen. Der neue „Mad Max“ knüpft wieder an den Nihilismus der ersten beiden Teile an, nachdem Hollywood die Saga in Teil Drei bedenklich Richtung Fantasy gedrängt hatte.

Zwei wesentliche Zugeständnisse macht jedoch auch „Fury Road“. Zum einen wird die Frauenquote radikal erhöht. Außer Charlize Theron, die so sachverständig rast/schlägt/schießt wie der böse Bube, bekommt Tom Hardy zwar nicht 72, aber doch fünf Jungfrauen zur Seite. Vielleicht entwickelt sich in den „Fury Road“-Fortsetzungen, die so sicher auftauchen werden wie der nächste Max-Feind, eine Art Matriarchat.

Das wichtigere Zugeständnis ist die Comicstripisierung. Schon in „Mad Max 2“ gab es stark an Comics erinnernde Figuren. Er war so etwas wie die „Matrix“ für eine Generation von Comic-Zeichnern, und hier setzt sich die Stilisierung konsequent fort, in den Schurkenfiguren, ihren Waffen und ihren Automobilen.

Am klarsten jedoch ist die Beziehung zum Western. „Fury Road“ ist eine klare Kopie von John Fords „Höllenfahrt nach Santa Fé“. Tom Hardy ist John Wayne, der Tanklastzug ist die Postkutsche, die Apachen sind die Höllenbrut, und der ganze Film ist eine einzige Verfolgungsjagd durch die Wüste. Nur die Menschen in der Benzinkutsche, die spielen kaum eine Rolle mehr. Sie haben sich nichts mehr zu sagen, weil in dieser Welt nur noch Granatenspeere reden.

Endzeitdrama: USA 2015, 120 min., von George Miller, mit Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Zoe Kravitz

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