Zwölf Stunden

Flagge zeigen bis zum Schluss

Vor jedem Heimspiel von Hertha BSC muss das Olympiastadion für den medialen Auftritt der Fußballer hergerichtet werden – auch für das Spiel am 16. Mai gegen Frankfurt

Das Olympiastadion ist die Heimspielstätte der Herthaner. Doch Hertha BSC ist nicht Eigentümer des Stadions, sondern mietet die Arena für jedes Spiel. Steht eine Bundesligabegegnung an, muss das Stadion jedes Mal Hertha-tauglich gemacht werden.

6:10 Steht ein Hertha-Heimspiel an, dauert es nicht lange, bis der Parkplatz vor dem Olympiastadion voll ist. Dann kommt niemand mehr mit großen Leitern und Stoffballen an die achtzig Fahnenmasten heran, die vor dem Spiel beflaggt werden müssen. Vereins- und Sponsorenflaggen zu hissen, ist die erste Tätigkeit. Allein damit sind zwei Mann etwa drei Stunden beschäftigt. Anschließend kommen die sieben großen Fahnen auf dem Dach des Osttores an die Reihe.

7:35 Andi und Tom verbrauchen jede Menge Kabelbinder. Sie bringen die Banner an den Geländern des „Oberrings“ an, dem balkonähnlichen Rundgang an der Außenseite des Stadions, „direkt nebeneinander gelegt sind alle Banner dreihundert Meter lang“. Kabelbinder sind die einzige Möglichkeit, sie zu befestigen, denn das gesamte Stadiongelände steht unter Denkmalschutz, die Bausubstanz darf in keiner Weise angegriffen werden.

8:40 Christoph Falckner fährt eine Trainerbank ins Freie, besser gesagt: einen Teil davon. Er bugsiert sie mit dem Gabelstapler aus dem Lager heraus und muss Augenmaß beweisen, um in den Gängen, die hinaus in die Arena führen, nirgendwo anzustoßen. „Eine vollständige Trainerbank besteht aus drei solchen Elementen“, sagt Falckner, „jeweils mit fünf bequemen Kunststoffsitzen an der Vorderfront.“ Das auf den Bänken platzierte Personal zieht später fast genauso viel Aufmerksamkeit auf sich, wie die Spieler auf dem Feld.

9:30 Leo Brockhausen und Allan Onwuka sind „das Teppichteam“. Genau einen Meter von der Grundlinie und zweieinhalb Meter seitlich vom Tor entfernt ziehen die beiden einen Sponsorenteppich in Stellung. Rund um das Spielfeld herum werden für jedes Spiel beinahe zwei Tonnen Teppiche verlegt, grüne Spielfeldverlängerungen oder mit Werbung bedruckte Ausleger. „Wo genau, das steht jeweils in unserem Ordner“, sagt Brockhausen und schwenkt eine rote Kladde.

10:20 Ausfahrt der Rasenmäher: Der letzte Feinschliff des Spielfeldes ist beendet und ein paar Haufen geraspeltes Grün sind noch einmal zusammengekommen. Nichts im Vergleich zum Vortag allerdings – da wurden bereits 2,5 Kubikmeter Grasspitzen abtransportiert.

11:15 „Hier kommt nachher die Mannschaft raus“, sagt Ralf Dürrenfeld, der an der Tür der Tribüne mit Bolzen- und Schraubenzieher bewaffnet „die Fabrics“ anbringt. So werden die Werbetafeln genannt, die den Auszug der Fußballhelden flankieren, wenn das Spiel losgeht. Drinnen sind bereits die Interviewboxen aufgebaut, in denen sich Journalisten nach dem Spiel Kommentare und Einschätzungen von Spielern und Trainern geben lassen.

12:00 Von der Kameraposition hoch oben in den Rängen kontrolliert Eric Mett die „Cam Carpets“. Die 3-D-Teppiche hinter dem Tor erzeugen den Eindruck von echten Werbeaufstellern. Eine optische Illusion, die auf die Kameraperspektive getrimmt ist und nur von hier aus funktioniert. Mett ist Projektmanager des Logistikunternehmens, das mit einem eingespielten Team seit Jahren die Hertha-Spiele betreut und beim Auf- und Abbau von Banden, Werbung oder Technik zuständig ist. „Stressig wird es für uns ungefähr zwei, drei Stunden vor dem Spiel“, sagt Mett. Oft muss er in letzter Minute noch auf Wünsche reagieren, „da steht eine Tonne falsch, ein Banner ist gerissen oder Wind schlägt einen Teppich um“.

12:25 Auf der zentral über den Trainerbänken gelegenen Pressetribüne verkabelt Henning F. TV-Monitore in Reporterboxen. Die Berichterstatter haben zwar beste Sicht auf den Rasen, trotzdem müssen sie nachher auf zwei Schirmen Kameras und Zeitlupenaufnahmen beobachten können.

12:30 „Der Einlaufteppich ist ganz neu“ und von René und Hendrik deswegen erst einmal verkehrt herum ausgerollt worden. Sie wuchten das wichtige Utensil, über das die Spieler auf den Rasen marschieren werden, noch einmal herum, bis die schräg zulaufende Spitze zum Spielfeldrand zeigt.

14:50 In der Tiefgarage Süd parken die Promis. Bis direkt vor die „DB Lounge“ fahren die Limousinen vor, auf diesem Weg betreten im Falle des Falles auch Prominente das Stadion. Um in dem großen, unterirdisch gelegenen VIP-Bereich in Hertha-Laune kommen zu können, ist dort unten ein Minibolzplatz mit Kunstrasen, kleinem Tor und blauen Plastikschalensitzen aufgebaut.

15:30 Anpfiff. Bislang ist alles glatt gelaufen, doch auch während des Spiels ist eine Bereitschaftscrew immer einsatzbereit, die alles im Blick behält, was nicht direkt mit dem Spiel zu tun hat. Vier Mann an den Spielfeldecken achten etwa darauf, dass der Wind keinen der grünen Teppiche umschlägt, die das Spielfeld optisch verlängern. Nicht selten müssen auch von Spielern im Überschwang zur Seite getretene Schaumstoff-Minibanden zurück in Position gebracht werden.

16:05 Noch vor der Halbzeitpause wendet Ata Altintop den „ICE-Truck“, der zu Hertha-Spielen einfach dazugehört und den er heute hierher gefahren hat. Statt eines Anhängers hängt das Modell einer halben ICE-Lokomotive auf der Kupplung; vor dem Spiel ist der Lastwagen so hinter dem zentralen Eingang geparkt, dass die Fußballfans auf die Zugspitze zulaufen. Damit sich dieses Schauspiel nach dem Spiel wiederholen kann, muss Altintop jetzt einmal um 180 Grad drehen.

17:11 Genau in der 86. Minute holt die Crew die „EVDs“ ans Feld, die „Erstverwerterdisplays“. Vor diesen mit Sponsorenlogos übersäten Plexiglaswänden werden nach Abpfiff die Spieler interviewt.

17:45 Etwa 30 Minuten nach dem Abpfiff geht das Team von Eric Mett „in die Verlängerung“. Die Ränge haben sich geleert und umgehend muss der Abbau beginnen. „Das dauert wieder ungefähr sechs Stunden“, sagt Mett. Danach steht das Stadion so jungfräulich in der Landschaft wie zuvor. Bis zum ersten Heimspiel der neuen Saison.