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„Gutes Musiktheater ist immer politisch“

Die Spielzeit 2015/16 ist geprägt von Neuinszenierungen, die mutig Stellung beziehen zu den wichtigen Fragen unserer Zeit

Zunächst ein wenig Zukunftsmusik, aber mit einem Paukenschlag: 2020 bekommt die Deutsche Oper Berlin einen neuen „Ring“. Regiestar Stefan Herheim wird Richard Wagners Tetralogie neu in Szene setzen. Der Norweger wurde mehrfach von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Regisseur des Jahres gewählt und hat nicht nur mit seinem Bayreuther „Parsifal“ für Aufsehen gesorgt. Intendant Dietmar Schwarz ist sich sicher, den richtigen Künstler für den „Ring des Nibelungen“ gefunden zu haben: „Ich habe nie mit ihm zusammengearbeitet, aber fast all seine Inszenierungen gesehen. Sie haben mich durch ihre Vielschichtigkeit begeistert, nehmen die Entstehungszeit des Werks und den heutigen Standpunkt mit auf. Herheim verwendet sehr effektvolle ästhetische Mittel. Ich bin inzwischen nicht mehr leicht zu überraschen, aber Stefan Herheim schafft das immer, mit jeder Szene.“ Er wird die Neuproduktion gemeinsam mit Generalmusikdirektor Donald Runnicles gestalten.

Bis zum April 2017 hat das Publikum Zeit, sich von Götz Friedrichs weltberühmter „Zeittunnel“-Inszenierung von 1984 zu verabschieden. Zwei Mal wird der Zyklus noch in dieser Version gezeigt. Leicht fällt es Dietmar Schwarz nicht, den Klassiker abzusetzen. Die Inszenierung ist ein Kassenschlager und war für ihn persönlich wie für viele andere in den achtziger Jahren eine Offenbarung. „Andererseits ist es unser Auftrag, die großen Werke des Musiktheaters aus unserer heutigen Sicht zu interpretieren“, erklärt Schwarz.

Der Fluss aus wogenden Tüchern, in dem die Rheintöchter baden, der Öko-Siegfried, das Lederoutfit der Walküren und Alberichs Maschinenpark wirken heute schon recht altmodisch. Götz Friedrichs langjährige Mitarbeiterin Dolly Hauns soll berichtet haben, dass auch der Meister selbst in seinem letzten Jahr von der Notwendigkeit eines neuen „Rings“ sprach.

Jedes Opernhaus trägt einen Teil seiner Geschichte mit sich herum. Es gibt kein Patentrezept dafür festzustellen, wann eine Inszenierung veraltet ist. Götz Friedrichs „Ring“ wird 33 Jahre alt werden. Bei seiner nur vier Jahre jüngeren „Bohème“ ist von einer Absetzung keine Rede. Boleslaw Barlogs „Tosca“ von 1969 wird vermutlich ihr 50-jähriges Inszenierungsjubiläum feiern können.

Dietmar Schwarz prüft jeden Einzelfall immer wieder: „Puccini ist in dieser Beziehung etwas anderes als Wagner. Sein Verismo, der musikalisch so im Detail ausgearbeitet ist, funktioniert einfach gut mit den historischen, von Puccini vorgeschriebenen Szenenanweisungen. Das können wir heute nicht unbedingt besser machen als Barlog in seiner sehr präzisen, psychologischen Herangehensweise.“

Dietmar Schwarz und sein Chefdramaturg Jörg Königsdorf sind natürlich nicht angetreten, um mit den Pfunden aus der Vergangenheit zu wuchern. Sie möchten immer wieder den Blick dafür schärfen, dass die großen Meisterwerke viel mit uns heute zu tun haben. Die politischen Dimensionen von Oper machen sie in der kommenden Spielzeit 2015/16 zum Leitthema. „Musiktheater, wenn es gut ist, ist immer politisch“, sagt der Intendant. „Kunst muss uns helfen, unsere Gegenwart zu hinterfragen. In der Oper werden wir auch auf nicht-intellektueller Ebene sensibilisiert für Dinge, die im Umgang mit anderen Menschen nützlich und sinnvoll sind.“

Die Oper ist idealerweise ein geschützter Raum, in dem man Ideen durchspielen und die Perspektive wechseln kann. Für die Dauer einer Arie kann man sich auch einmal in einen Mörder hineinversetzen. „Oper bringt uns dazu, noch einmal genauer über Menschen, gesellschaftliche Verkettungen und Zustände nachzudenken. Nach einer guten Opernvorstellung sehen wir die Welt etwas anders“, findet auch Jörg Königsdorf.

Die Leitung des Opernhauses sieht mit Beunruhigung, dass die Freiheit der Kunst in letzter Zeit immer wieder in Frage gestellt wird. Nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ wurde über die Grenzen dieser Freiheit diskutiert, ebenso jüngst nach dem Eklat um den „Tannhäuser“ in Novosibirsk. Seine Vorgängerin Kirsten Harms hat die Neuenfels-Inszenierung von „Idomeneo“ wegen einer angeblichen radikalislamistischen Gefährdung abgesetzt. Dietmar Schwarz: „Unsere klare Haltung lautet: Wir dürfen keine Angst haben. Bei orthodoxen religiösen Richtungen gibt es keine Toleranz. Umso stärker sind wir dazu aufgerufen, die Kunstfreiheit zu verteidigen.“

Das Leitmotiv Oper und Politik bot sich für die nächste Saison auch deshalb an, weil mindestens vier der sechs großen Neuproduktionen einen klaren Bezug zum Thema haben. In Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ stoßen Menschen aus zwei ganz verschiedenen Kulturen aufeinander. Sowohl bei den Portugiesen als auch bei den Indern im Stück gibt es starre Moralvorstellungen und Regeln, wie man im Dienst des Glaubens und des Systems zu funktionieren hat. So ist die Liebe der indischen Königin Selika zu dem Eroberer Vasco da Gama von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Meyerbeers Lebensthema in seinen Opern ist der Gegensatz zwischen der institutionalisierten Religion und dem Lebensglück des Einzelnen“, sagt Chefdramaturg Königsdorf. Lange Zeit wurde Meyerbeers letzte Oper unter dem Titel „Die Afrikanerin“ gespielt, in einer nach dem Tod des Komponisten durch Bearbeitungen und Kürzungen entstellten Form. Erst seit drei Jahren gibt es die überzeugende Rekonstruktion der Originalfassung. Die Premiere von Vera Nemirovas Inszenierung mit Roberto Alagna in der Titelrolle findet am 4. Oktober statt. Die Deutsche Oper beginnt mit „Vasco da Gama“ einen dreiteiligen Meyerbeer-Zyklus. „Die Hugenotten“ und „Der Prophet“ folgen in den kommenden Jahren. „Unser Publikum hat jetzt schon sehr positiv auf die Ankündigung reagiert. Schließlich handelt es sich um den bedeutendsten Berliner Opernkomponisten. Die konzertante Aufführung von ‚Dinorah‘ hat viele neugierig gemacht“, freut sich Dietmar Schwarz.

Auch in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ prallen zwei Kulturen aufeinander. Rodrigo García hat sich als politisch denkender, kompromissloser Theaterregisseur unter anderem an der Schaubühne einen Namen gemacht. Am 17. Juni 2016 präsentiert er an der Deutschen Oper seine erste Musiktheaterarbeit. Die Unvereinbarkeit von großer Politik und intimem Liebesglück ist das Thema in Verdis „Aida“ (Premiere am 22. November). Der Regisseur Benedikt von Peter möchte nicht das Monumentale an der Oper betonen, sondern ein „fragiles Kammerspiel der Liebe“ entwerfen. Dafür will er auch den Zuschauerraum bespielen.

Um politische Machtverhältnisse geht es auch in der folgenden Premiere am 24. Januar. „Salome“ von Richard Strauss zeigt uns eine dekadente Gesellschaft am Rande des Abgrunds. Da geht es um die Gewalt im Staat und in der Familie. Claus Guth inszeniert erstmals an der Deutschen Oper Berlin. Generalmusikdirektor Donald Runnicles ist ein Verehrer von Leoš Janáček und hat nach „Jenůfa“ nun „Die Sache Makropulos“ (Premiere am 19. Februar) auf den Spielplan gesetzt. Die Oper handelt von der Sehnsucht nach dem ewigen Leben. In der Inszenierung von David Hermann gibt Evelyn Herlitzius ihr Rollendebüt als Emilia Marty.

Nach zehn Jahren hat die Deutsche Oper Berlin erstmals wieder einen Kompositionsauftrag für die große Bühne vergeben. Der Österreicher Georg Friedrich Haas schreibt die Oper „Morgen und Abend“ (Premiere am 29. April 2016) nach dem gleichnamigen Roman von Jon Fosse. Ein sterbender Fischer hält darin Rückschau auf sein Leben und fragt: Was ist wirklich wichtig gewesen? Worauf kommt es im Leben an?

„Die Musik von Haas in ihren feinen Verästelungen, ihrer dunklen Kraft, Melancholie und Zartheit wird den inneren Reichtum der Geschichte musikalisch auffalten“, erklärt Chefdramaturg Königsdorf.

Der Einsatz für die musikalische Moderne ist dem Leitungsteam des Opernhauses besonders wichtig. Die vergangenen Spielzeiten wurden mit Werken von Helmut Lachenmann, Mauricio Kagel und Iannis Xenakis eröffnet. Für die nächsten Jahre entstehen weitere Auftragswerke, auch von dem großen Berliner Komponisten Aribert Reimann.

Neben spannenden Premieren sind auch große Sängernamen für das Opernhaus unverzichtbar. Drei weibliche Stars treten in der kommenden Spielzeit in konzertanten Premieren auf: Elīna Garanča in Donizettis „La Favorite“ am 2. Dezember, Joyce DiDonato in Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ am 29. Februar und Edita Gruberová in Bellinis „Norma“ am 7. Mai 2016.

Auch die Konzertreihen des Hauses, die vielfältigen Angebote der Jungen Deutschen Oper für Kinder und Jugendliche und die experimentellen Kammerformate in der Tischlerei sind für das Haus zentrale Anliegen. Gerade die Sicht auf heutige Befindlichkeiten und die politische Dimension der Oper lässt sich in der kleinen Spielstätte direkter darstellen als auf der großen Bühne.

Fünf Premieren sind für die Tischlerei angekündigt, von der „Odyssee“ über einen spannenden Kriminalthriller bis zu einem Stück für Zwei- bis Vierjährige. „Die Tischlerei ist als Zentrum für zeitgenössisches Musiktheater inzwischen gut in der Stadt verankert“, sagt Intendant Dietmar Schwarz. „Wir führen dort nur Musik auf, die in der Form noch niemals zu erleben war.“