„Valentina“

Triumph des Menschlichen

Das Schicksal einer jüdischen Frau zwischen Riga und Berlin: „Valentina“ als Gastspiel aus Lettland

In den Jahren 1938 bis 1941 wirkte Leo Blech als Erster Gastdirigent an der Lettischen Nationaloper in Riga. Seine Position als Generalmusikdirektor des Deutschen Opernhauses Charlottenburg hatte er seiner jüdischen Herkunft wegen verloren. Nun leitete er in Riga Aufführungen von Verdi- und Mozart-Opern. Im Publikum saß ein junges Mädchen, dessen Familie mit Blech aus ihrer Berliner Zeit flüchtig bekannt war: Valentina Loewenstein.

In jenen Jahren bestimmte die Musik ihr Lebensgefühl. „Ein Gebäude aus Klang wurde mir zum geschützten Raum“, schreibt sie in ihrem Buch, das sie unter ihrem heutigen Namen Valentīna Freimane verfasste („Adieu, Atlantis“, Wallstein Verlag, Göttingen, 340 S., 22,90 Euro). Besonders blieb ihr in Erinnerung, wie Leo Blech Ende 1940 Beethovens neunte Sinfonie dirigierte: „Wir Jugendlichen klebten an der Balustrade des dritten Balkons und hielten die Partitur krampfhaft in den Händen. Niemals wieder habe ich diesen absoluten Triumph des Menschlichen über die uns umgebende bedrohliche Realität so erlebt wie in jenem Konzert.“

Valentīna Freimanes ganze Familie fiel dem Holocaust zum Opfer. In den Jahren der Verfolgung, in denen die jüdische Frau in verschiedenen Verstecken überlebte, verlor sie nie den Glauben an das Gute im Menschen. Nun wird ihr Schicksal zum Opernstoff. „Valentina“ ist die erste Oper des lettischen Komponisten Artūrs Maskats (Jahrgang 1957). Das Gastspiel der Lettischen Nationaloper in der Deutschen Oper Berlin steht unter der Schirmherrschaft des deutschen und des lettischen Außenministers. Und die heute 93-jährige Valentīna Freimane, die nach dem Krieg in Lettland sich als Filmwissenschaftlerin Ansehen erwarb, wird anwesend sein an diesem besonderen Abend.

Wie in ihrer Kindheit lebt Valentīna Freimane heute wieder in ihrer Geburtsstadt Riga und in Berlin, wo der Vater als Anwalt für die Ufa-Studios arbeitete und die Mutter zur Gesellschaft der damaligen Filmgrößen gehörte. Stars wie Anny Ondra und Karel Lamač gingen im Elternhaus ein und aus. 1931 zog die Tochter dann zu den Großeltern nach Riga, wo sie die deutsche Schule besuchte. Die Eltern kamen 1935 nach.

In ihrem Buch schildert sie, wie das bisherige großbürgerliche Leben mehr und mehr Einschränkungen erfuhr, besonders nach der Besetzung des souveränen Lettlands durch die Sowjetunion 1940. Ein Jahr später heiratete sie den Medizinstudenten Dietrich Feinmanis. Betrachteten die Kommunisten die Familie als Klassenfeinde und Kosmopoliten, so verschlechterte sich die Lage noch einmal dramatisch nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion und damit auch auf Lettland. Nun wurden sie als Juden verfolgt, während viele Letten den Juden vorwarfen, zuvor die Sowjets unterstützt zu haben.

Im Juni 1941 wurden ihre Eltern und alle anderen Angehörigen ins Ghetto verschleppt und später ermordet. Auch ihr Mann wurde verhaftet und starb in einem Rigaer Gefängnis. Valentīna überlebte, dank der zahlreichen „Schutzengel“, bei denen sie sich in ihrem Buch bedankt. Und sie verlor trotz der schrecklichen Verluste nie die Freude an ihrem Leben.

„Ich weiß, dass Menschen mit einem ähnlichen Schicksal ihr gesamtes weiteres Leben an einer schweren Last zu tragen haben und sich mit dem Gefühl quälen, schuldig zu sein“, schreibt sie. Derartige Gefühle habe sie nicht: „Schuldig war nicht ich, sondern das blutige System totalitärer Macht – und die Menschen, auf die dieses System sich stützen konnte.“

Nach Ende des Krieges hatte sie unter der sowjetischen Diktatur Probleme als überlebende Jüdin sowie ihrer internationalen und großbürgerlichen Herkunft wegen. Gerade in Lettland gibt es mehrere Vergangenheiten, die es zu bewältigen gilt. So ist, wie der Opernkomponist Artūrs Maskats über die Titelheldin seiner im Dezember in Riga uraufgeführten Oper sagt, „die Lebensgeschichte Valentina Freimanes unauflöslich mit der Geschichte Lettlands und Europas verknüpft“. Dennoch sei „Valentina“ mehr als ein politisches Stück: „Durch alle Ereignisse scheint die Geschichte tiefster Gefühle und einer großen Liebe.“

Modestas Pitrenas dirigiert die zweiaktige Oper, die in lettischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln gespielt wird. Die Inszenierung stammt von Viestur Kairish. In der Titelrolle ist Inga Kalna zu erleben. Die lettische Sopranistin, in London ausgebildet, feierte auf vielen großen Bühnen im Ausland Erfolge. Eng ist sie mit der Hamburgischen Staatsoper verbunden.

Di 19. Mai, 19.30 Uhr