Konzert

Perfekte Balance zwischen Kopf und Herz

Tischlereikonzert mit Werken des polnischen Komponisten Andrzej Panufnik

Sir Andrzej Panufnik hatte seine eigenen Theorien zu Musik und Geometrie. Er tüftelte und konstruierte lange an seinen Musikstücken. „Seine Witwe Camilla hat mir erzählt, dass er manchmal einen ganzen Tag lang an zwei Takten schrieb“, erzählt Tomasz Tomaszewski, seit 1982 erster Konzertmeister des Orchesters der Deutschen Oper Berlin. Nun könnte man meinen, dass sich Panufniks Musik abstrakt und spröde anhört. Weit gefehlt! „Seine Musik klingt ungeheuer emotional. Den mühevollen Kompositionsprozess merkt man ihr keine Sekunde lang an. Das ist für mich das größte Wunder“, so Tomaszewski. Mit seinem Kwartet Polksi und Gästen widmet er dem Komponisten ein Porträtkonzert. Panufniks Witwe wird am 23. Mai in der Tischlerei dabei sein.

In Polen, Großbritannien und den USA hat man Sir Andrzejs 100. Geburtstag im vergangenen Jahr mit Festivals, Orchesterkonzerten und einem Kongress groß gefeiert. In Deutschland ist er sehr viel weniger bekannt. „Wir haben im Herbst ein Geburtstagskonzert in der Staatsbibliothek gegeben. Im Publikum saßen begeisterte Panufnik-Fans, die aus dem Anlass extra aus München und Stuttgart nach Berlin gekommen waren. Ich finde es wichtig, mich für diesen Komponisten zu engagieren“, erklärt der Konzertmeister.

Sein ganzes Leben war überschattet von den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Ein öffentliches Konzertleben gab es im von den Nazis besetzten Warschau nicht. Der junge Panufnik arrangierte klassische Werke für zwei Klaviere und führte sie mit einem Freund in Cafés auf. Er veranstaltete illegale Konzerte und schrieb Widerstandslieder. 1944 verbrannten alle Werke, die der 30-Jährige bis dahin geschrieben hatte. Nach dem Krieg half er als Chefdirigent in Krakau und Warschau, das Musikleben wieder aufzubauen. Bald galt er als führender Komponist des Landes, als Vater der polnischen Avantgarde. Mit den Maximen des sozialistischen Realismus konnte er sich jedoch nicht abfinden. 1954 floh er aus seiner Heimat. 23 Jahre lang wurde er daraufhin in Polen totgeschwiegen. In England baute sich Panufnik ein neues Leben als Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra auf. In den Jahren vor seinem Tod 1991 widmete er sich nur noch seinen Kompositionen. Er suchte nach der „perfekten Balance zwischen Intellekt und Emotion, Herz und Hirn“, wie er einmal sagte. Dirigenten wie Leopold Stokowski, Sir Georg Solti, Seiji Ozawa und André Previn setzten sich für seine Musik ein.

Konzertmeister Tomasz Tomaszewski spielt seit langem Werke vernachlässigter polnischer Komponisten. Er engagiert sich im „Europäischen Forum polnischer Musik“. Sein Kwartet Polski besteht schon seit zehn Jahren. Im Tischlereikonzert erklingen Werke, die Panufnik zwischen 1934 und 1987 schrieb. Das frühe Klaviertrio gehört zu den Werken, die im Feuer des Warschauer Aufstands verbrannten. Der Komponist hat es später rekonstruiert.

Zu seinem zweiten Streichquartett „Messages“ sagte Panufnik, dass er als Junge gern sein Ohr an Telegrafenmasten legte. Das vielstimmige Summen im Holz, die Vision all der darin enthaltenen Botschaften, inspirierten ihn zu dem Werk. Viel Zeit verbrachte er in Eisenbahnzügen. Die besondere Stimmung, geprägt vom monotonen Rattern, hat er in dem Streichsextett „Trains of Thought“ eingefangen. Sein Yehudi Menuhin gewidmetes Violinkonzert spielen die Musiker der Deutschen Oper in einer Version für Streichquintett. Außerdem steht das „Récit I“ für Cello solo auf dem Programm, das Piotr Moss für die Zeremonie schrieb, bei der Andrzej Panufnik 1991 zum Ritter geschlagen wurde.

Sa 23. Mai, 20 Uhr, Tischlerei