FSJlerinnen

Den Schlüssel zum Opernkosmos in der Tasche

Saskia Messow und Clara Jansen absolvieren ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur an der Deutschen Oper Berlin

Vor der Kantine läuft ein Mann mit schwarzen Locken auf und ab und telefoniert aufgeregt auf dem Handy. Passanten bleiben stehen und tuscheln: „Ist das nicht...?“ Ja, er ist es: der berühmte Tenor Rolando Villazón. Saskia Messow und Clara Jansen bleiben in solchen Situationen ganz locker. Ihnen passiert es öfter, dass ein bekannter Musiker ihnen mal die Tür aufhält: Seit September absolvieren die beiden jungen Frauen ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ Kultur) an der Deutschen Oper Berlin.

„Es ist schön, eine Verbindung zu einer Ebene zu haben, auf der man noch nicht ist – oder vielleicht nie sein wird“, sagt Clara. Gemeinsam mit Saskia sitzt sie in der Kantine der Deutschen Oper Berlin. Bei beiden stand das traditionsreiche Haus auf der Wunschliste mit den Einsatzorten für das FSJ ganz oben. Clara hat selbst Theater gespielt und damit geliebäugelt, Schauspiel zu studieren. Sie kennt viele, die talentiert sind, es aber nicht geschafft haben: „Deshalb wollte ich mir die Branche, bevor ich das Risiko eingehe, dort zu arbeiten, erst einmal genau ansehen“, erzählt die 18-Jährige. „Da bietet sich natürlich die Deutsche Oper an: Je größer das Haus, desto unterschiedlicher sind die Bereiche, die es dort gibt.“ Seit sieben Monaten ist sie nun in der Tischlerei (der Bühne in der ehemaligen Tischlerei) angestellt und arbeitet dort als Assistentin der Produktionsleitung.

Sie macht die Spielleitung, achtet darauf, dass die Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, dass das Publikum eingelassen wird. Sie ist bei den Proben dabei, notiert sich die Regieanweisungen, schreibt auf, wie sich das Bühnenbild bewegt, welche Stimmung ausgeleuchtet werden soll – und achtet darauf, dass auch mal eine Pause gemacht wird. „Das Tollste ist: Meine Chefin hat mich eingearbeitet und bringt mir mittlerweile so viel Vertrauen entgegen, dass ich vieles alleine machen darf“, erzählt die Abiturientin. Für das FSJ kam sie von Lörrach nach Berlin, nun genießt sie neben ihrer Arbeit auch die Großstadtatmosphäre. Sie kramt aus ihrer Tasche einen Schlüssel. Er öffnet den beiden FSJlerinnen die Stahltür, die sie in die Bereiche hinter der Kantine führt, hinein in das Innere des großen Opernkosmos.

Die beiden kennen nach sieben Monaten die Abläufe in einem großen Opernhaus, sie haben gelernt, was Dispos sind – bisweilen schreiben sie die Ablaufpläne sogar selbst. Auch mit den hierarchischen Strukturen hatten sie anfangs zu kämpfen und dass man als junges Mädchen nicht unbedingt von allen ernst genommen wird.

Saskia hat in ihrem FSJ viel mit Kindern zu tun, sie ist in der Musikpädagogik eingesetzt. „Ich wusste, dass ich Kinder mag, aber das zum Beruf zu machen, darauf bin ich nicht gekommen. Das hat sich erst hier so langsam herauskristallisiert“, erzählt sie, während sie ihren grauen Fruit-of-the-Loom-Pulli geraderückt. Ihre Domäne sind unter anderem die „Opernmäuse“. Bei der Führung und dem Workshop für junge Musikliebhaber hat sie schon mal 50 Kinder unter ihren Fittichen. Sie erklärt ihnen das Bühnenbild, koordiniert den Ablauf und lässt die müde gewordenen kleinen Besucher beim „Au-ja-Spiel“ als Frösche sich wieder munterhopsen.

Außerdem schreibt Saskia viel: Für die Materialmappe zu dem Musiktheater „Gold“ hat sie viele Texte verfasst, Fotos gemacht und sogar gezeichnet. „Ein bisheriges Highlight war das Winterferien-Musiklabor, bei dem Kinder erforscht haben, wie Berlin klingt“, erzählt Saskia, die in den Tagen im Februar nicht nur einmal „Berliner Luft“ geschmettert hat. Sie hatte die Workshop-Assistenz inne und damit auch viel Verantwortung.

Einen einheitlichen Tagesablauf haben die beiden nicht. Manchmal müssen sie am Wochenende oder am Abend ran. Zwölf-Stunden-Tage wechseln sich mit ruhigeren Phasen ab. „Es gibt Zeiten, da ist kaum etwas zu tun, aber dann kommen auch wieder Probenphasen, wo man dann vor Arbeit gar nicht mehr durchsieht“, erzählt Saskia. Dass sie auch abends arbeiten müssen, stört die beiden nicht. Einziger Wermutstropfen ist der Verdienst. FSJler erhalten ein Taschengeld von 300 Euro. Unterbrochen wird ihre Arbeit an der Deutschen Oper von Seminaren, bei denen die beiden auf die anderen FSJler in Berlin und Brandenburg treffen.

Nach einem guten halben Jahr „in der Branche“, zwar nicht als Schauspielerin, sondern auf der anderen Seite, hat Clara sich aber besser kennengelernt: „Früher dachte ich immer: Ich will mal auf der Bühne stehen, aber jetzt merke ich, dass das vielleicht gar nicht so sehr meines ist. Mir liegt das Organisieren und mir gefällt es, im Hintergrund zu wirken – und immer nah am Schaffensprozess zu sein.“ Die beiden müssen wieder los. Aber bei dem Rundgang durch ihre Welt der Deutschen Oper ist deutlich geworden: Wo am Anfang des FSJ noch ein Fragezeichen stand, sehen die Berufsperspektiven nach sieben Monaten Schnuppern schon sehr viel klarer aus: Saskia geht im November erst einmal ins Ausland. Dann will sie Theaterpädagogik oder Bühnenbild studieren. Clara zieht es an die Uni nach Potsdam, ihr Studienfach in spe: „Kulturarbeit“. Sie sagt: „Das trifft das, was ich hier gerade mache, doch ziemlich genau.“