Dirigent

Große Bögen, feine Nuancen: Jeffrey Tate

Vor drei Jahren hatte er schon angekündigt, kürzer treten zu wollen. Nach einer schweren Krankheit dachte Jeffrey Tate (72) daran, große Reisen zu unternehmen, mehr Bücher zu lesen oder zu schreiben.

Glücklicherweise halten sich Musiker, die für ihre Kunst brennen, oft nicht an solche Ankündigungen. Darüber freuen sich die Hamburger Symphoniker, deren Chefdirigent der Brite ist, aber auch die Berliner, die ihn am 12. Mai im Sinfoniekonzert des Orchesters der Deutschen Oper Berlin erleben können.

Jeffrey Tate ist ohne seinen Taktstock und seine Partituren kaum vorstellbar. Dabei wäre er als Jugendlicher eigentlich am liebsten Bergsteiger geworden. Tatsächlich studierte er Medizin und arbeitete danach zwei Jahre lang als Augenchirurg am St. Thomas Hospital in London. Erst dann folgte er seiner musikalischen Berufung, dem Weg zum Weltklassedirigenten. Der englische Maestro ist nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch ein Ausnahmemensch. Er hat alles trotz einer Körperbehinderung erreicht, die ihn von Geburt an im Alltag stark einschränkt. Jeffrey Tate probt und dirigiert im Sitzen.

Jeffrey Tate wurde von den unterschiedlichsten Lehrmeistern geprägt. Er assistierte Georg Solti und Carlos Kleiber in London, Herbert von Karajan in Salzburg und James Levine in New York. Nichts hat ihn als jungen Künstler aber mehr beeindruckt als die Arbeit mit Pierre Boulez an seinem Jahrhundert-„Ring“ in Bayreuth. Der Brite aus Salisbury entwickelte sich selbst zu einem der großen Wagner-Dirigenten unserer Zeit. Natürlich lassen aber auch sein Mozart, sein Einsatz für die Zeitgenossen, für das französische und britische Repertoire aufhorchen. Der Weltstar mit Wohnsitzen in Hamburg, London und Detmold ist an den großen Opernhäusern, bei den bedeutenden Sinfonieorchestern und Festivals ein gern gesehener Gast. Inzwischen spricht man ihm nicht mehr nur die rechte Mischung aus Intellekt und Intuition, sondern auch so etwas wie abgeklärte Altersweisheit zu. Er ist der Meister der feinen Nuancen und des großen Bogens. Mit größter Präzision feilt er an spannenden Details, Form- und Farbfacetten. Am Ende hinterlassen seine Interpretationen den Eindruck von transzendenter Kraft und Durchdringung.

Gerade in Deutschland ist Jeffrey Tate auch immer wieder ein musikalischer Botschafter seiner Heimat. Zum Berliner Sinfoniekonzert bringt er zwei englische Werke mit. Der britische Dirigent hat interessante Raritäten ausgesucht, die einem Opernorchester liegen sollten, denn beide beziehen sich auf Bühnenwerke.

„The Walk to the Paradise Garden“ stammt aus der Oper „A Village Romeo and Juliet“. Frederick Delius’ Musiktheaterstück basiert auf Gottfried Kellers Novelle und wurde 1907 an der Komischen Oper in Berlin uraufgeführt. Das sinnliche Orchester-Intermezzo daraus gilt als ein Höhepunkt der spätromantischen Oper, erklingt aber hierzulande auch im Konzertsaal nur selten. Ähnlich ergeht es Edward Elgars drei Jahre später entstandener Symphonischer Studie „Falstaff“. Sie ist ein Porträt des Ritters, das sich eher an Shakespeares „Henry IV“ als an die Oper von Boito und Verdi anlehnt.

Beinahe würde Jeffrey Tate einen englischen Abend dirigieren, wäre da nicht der Solist Pavol Breslik. Der slowakische Tenor, der im Ensemble der Berliner Staatsoper begann und seit neun Jahren auf der ganzen Welt gefragt ist, bereichert das Konzert mit fünf Liedern von Richard Strauss. Und dieser Komponist gehört selbstverständlich auch zu den Hausgöttern von Jeffrey Tate.

Di 12. Mai, 20 Uhr