Dokumentation

Lohnsteuer gilt auch für Genies

Der Regisseur ist lange tot, aber die Faszination an ihm ungebrochen: „Fassbinder“

Der Film ist ein Triumph der drei alten Frauen. Ein Triumph des Überlebens. Fassbinder ist tot, aber die drei großen Heroinen sind noch da. Und wie. Hanna Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen. (Die vierte, Ingrid Caven, hat sich offenbar verweigert mitzumachen.) In Hassliebe blicken sie zurück auf den, der sie gequält und gedemütigt hat, wohl wissend, dass sie ihm alles verdanken. Den Platz in der Kinogeschichte, die Weltberühmtheit.

Der Kinoberserker Rainer Werner Fassbinder – 37 Filme in 13 Jahren – ist 1982 gestorben. Man könnte auch sagen: verendet. An einem Cocktail aus Drogen und Alkohol. Weil er, wie sein Freund Wolf Gremm zu sagen pflegt, fertig war. „Richtig alle.“ Die Schygulla war 38, als diese Welt zusammenbrach, die Hermann 39, die Carstensen 42. Zu jung, um mit dem Genie abzutreten. Einfach aufzuhören, weil das Beste sowieso vorbei war. Fassbinders Frauen haben weitergemacht. Sind in der Realität des Bürgerlichen und Durchschnittlichen angekommen. „Fassbinder“ war zwar der Nimbus, der sie fortan umgab, aber der hing ihnen auch wie Blei in den Kleidern. Nach Fassbinders Tod schienen sie im Kino sterblich wie alle anderen.

Schygulla, Hermann und Carstensen machen „Fassbinder“ zum Ereignis. Sie trauern ihm in Wehmut hinterher. „Und dann ist mir dieser Junge aufgefallen...“ (Schygulla) „Ich hab’ immer gesagt, der ist ein Genie“ (Hermann). Sie sind immer noch eifersüchtig. Vor allem bei der Erinnerung daran, dass es Ingrid Caven tatsächlich gelang, Fassbinder zu heiraten. Sie staunen beim Zurückblicken über ihre Naivität.

„Also damals wusste ich ja von Homosexualität überhaupt nichts.“ (Carstensen) Sie sind froh, dass er weg ist, weil er so perfide sein konnte. „Er hat Zettel verteilt. Jeder einzelne von uns musste den anderen Noten geben.“ (Carstensen) Es gibt Anzeichen der Verbitterung. „Ich war dann auch so ’ne Altlast!“ (Hermann)

Fassbinder ist tot, aber die Fassbinder-Sehnsucht ist ungebrochen, und die Flut der Dokumentationen schwillt weiter an. Im Februar lief auf der Berlinale Christian Braad Thomsens Film „Fassbinder – Lieben ohne zu fordern“, jetzt kommt Annekatrin Hendels „Fassbinder“ in die Kinos. Hendel hat zuletzt einen aufregenden Dokumentarfilm über Sascha Anderson gemacht. „Fassbinder“ steht dem in nichts nach. Während der Held quasi im Zeitraffer altert und verfällt – in der Frühzeit am Münchner antiteater ist er das energiegeladene junge Genie, am Ende, bei den Dreharbeiten zu Gremms „Kamikaze 89“, ist er ein aufgedunsener Typ im lächerlichen Leopardenlook –, setzen ihm die Weggefährten ihre Denkmäler.

Auch solche, die trotzig von sich behaupten, Fassbinder nicht verfallen gewesen zu sein. Hark Bohm zum Beispiel, der von egozentrischen Charakteren spricht, „die so Rudel um sich scharen“. Oder Volker Schlöndorff, der schadenfroh von dem Tag erzählt, an dem Fassbinder klargemacht wurde, dass auch ein Genie Lohnsteuer zu zahlen hatte. Der größte Eklat sei das gewesen. „Der Rainer“, erinnert sich Schlöndorff, habe gebrüllt: „So kann ich nicht arbeiten!“

Anderthalb Stunden dauert Hendels Collage aus Film- und Gesprächsszenen. Sie sind wahnsinnig unterhaltsam. Sie vergehen wie im Flug.

Dokumentation: D 2014, 90 min., von Annekatrin Hendel

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