Kulturmacher

Sorglos mit der Rampensau

Seit 20 Jahren kümmern sich Gerhard Winterle und Susanne Stallmann um Kleinkunst-Stars wie Horst Evers oder Pigor & Eichhorn. Ihre Agentur hat einen ungewöhnlichen Namen

Die in hellem Grau gehaltenen Büroräume im einstigen Stammhaus des Wörterbuchverlags Langenscheidt in der Schöneberger Crellestraße sehen eher nüchtern aus. Wie gemacht für Kontoristen in Anzug und Krawatte. Eine namhafte Künstleragentur kann man sich hier auf den ersten Blick kaum vorstellen. Doch Gerhard Winterle pulverisiert dieses Vorurteil prompt mit seinem Erscheinen. Er hat sich nämlich in eines seiner Hingucker-Outfits geworfen, die er sonst nur bei Premieren trägt. Der schräge Glamourfaktor, den er im Leoprint-Anzug verströmt, passt perfekt zum eigenwilligen Künstlerportfolio der Agentur Rampensau, dem „Büro für schweinisch gute Künstler“.

Für Seriosität im gut eingespielten Doppel sorgt seine dezenter gekleidete Partnerin Susanne Stallmann. Ihr ansteckendes Lachen beweist indes, dass sie nicht minder humorvoll ist als Winterle. Genau richtig für die Kleinkunstbranche mit ihren komödiantischen Akteuren, die das Duo so vorzüglich vertritt. Darunter Stars wie Horst Evers und Pigor & Eichhorn. Oder Bassbariton Thomas Quasthoff, der nach seinem Abschied von der Klassik nun seiner Leidenschaft, dem Kabarett, frönt. Es gibt wohl kaum ein Kleinkunst-Theater in Berlin oder bundesweit, an dem Rampensau-Künstler nicht auftreten.

Der treffsichere Geschmack der Agentur ist schließlich bekannt. Für Stallmann und Winterle muss ein gutes, abendfüllendes Programm einige Kriterien erfüllen: „Es muss böse sein, es muss satirisch sein, es muss Niveau haben. Bitte keine Comedy, kein Slapstick, kein Pappnasen-Humor, sondern etwas Eigenständiges. Hauptsache kein Mainstream.“ Die beiden schätzen eine gewisse Schrägheit. Mit dem besonderen Gespür für Komik, die aus der Masse hervorsticht, haben sich Stallmann und Winterle bei Kleinkunstliebhabern viele Freunde gemacht.

Eine Gala mit Ina Müller

Gegründet haben sie ihre Agentur vor genau 20 Jahren. Ein Jubiläum, das am 9. Mai in der Universität der Künste (UdK) gebührend mit der Galaveranstaltung „Widerborstig und Speck-takulär“ mit aktuellen und ehemaligen Rampensau-Künstlern gefeiert wird. Durch den Abend führt Ina Müller. Doch die gemeinsame Geschichte der Agentur-Chefs begann viel früher. Die beiden waren nämlich einst Akteure der legendären „Preddy Show Company“, der ersten Playback-Theatergruppe der Welt.

Dass in ihm selbst eine Rampensau steckt, hat Metzgersohn Gerhard Winterle bereits mit 13 Jahren entdeckt. Der gebürtige Karlsruher, Jahrgang 1955, hat damals den sturzlangweiligen Kappenabend im Fasching mit einem Zitherspieler in der Kneipe kurzerhand mit einer Showlage aufgepeppt: „Ich habe den Hüfthalter meiner Mutter angezogen, den Plattenspieler auf den Tresen gepackt und eine Parodie auf Marlene Dietrich gemacht.“

Er zog 1979 nach West-Berlin und arbeitete als Dekorateur bei Karstadt. „In diesem Job war man entweder nicht ganz dicht oder eine irre Partynudel. Ich wollte immer Party machen“, erklärt Winterle mit der ihm eigenen pulvertrockenen Selbstironie. Die von ihm choreographierten Playback-Showeinlagen mit einigen Kollegen waren so gut, dass die Truppe auch auf der Karstadt-Modenschau auftrat. Bald schon wollten die Menschen nur noch die „Transentruppe im Fummel“ sehen. „Wir sahen in der Karstadt-Abendgarderobe natürlich besser aus als die Models“, so Gerhard Winterle. „Einmal hab ich da ein Playback zu Daliah Lavi gemacht, woraufhin eine ältere Frau zu einer anderen sagte: ,Bissl groß ist sie ja. Aber eine schöne Stimme hat sie!‘“

Ein Rundum-Sorglos-Paket

Die gebürtige Hessin Susanne Stallmann hingegen hatte die leichte Muse zunächst nicht im Sinn. „Ich habe Kunst studiert und wollte Malerin werden. In die freie Kunstszene habe ich mich dann aber doch nicht gewagt“, erzählt sie. Stattdessen hat sie es nach dem Studium zur Studienrätin auf Lebenszeit gebracht, bevor sie den Job hinschmiss und in die USA ging. Dort jobbte sie und fing mit Pantomime an. Als sie 1980 nach Berlin ging, hat sie weitergemacht. Doch irgendwann ließ sie die Pantomime kalt. „Wir haben sie dann rausgeholt aus ihrem Elend“, witzelt Winterle. Damals legte die Preddy Show Company gerade richtig los, spielte bundesweit. Getourt haben sie bis 1994. Drei Tage haben sie ihren Abschied im Tränenpalast zelebriert. Die Fans haben gejubelt und geweint. Der würdiger Schlusspunkt einer Künstlerkarriere.

Bei ihrer Arbeit heute fließt natürlich auch ihre Erfahrung ein. Sie wissen, wie anstrengend eine Tournee sein, was alles schief laufen kann. Ihre Agentur vermittelt nicht einfach nur Auftritte, schreibt Verträge und handelt Gagen aus. Bei Susanne Stallmann und Gerhard Winterle bekommen die Künstler ein „Rundum-Sorglos-Paket“, vom stimmigen Tournee-Reiseplan bis zur Beratung für das richtige Bühnenoutfit.

Schade finden sie es, dass man Newcomern heute nicht mehr die Zeit gibt, sich in Ruhe zu entwickeln. Ihre Agentur versucht jedoch, genau das möglich zu machen. Susanne Stallmann, die mit ihrem Mann in Friedrichshain lebt, und der bekennende Schöneberger Gerhard Winterle sind selbst überzeugte Berliner. Sie lieben die Stadt und ihre Lebendigkeit. Vor allem Winterle schwärmt von seinem Kiez nahe des Büros mit vielen kleinen Cafés. Hier findet er immer ein Stück alte badische Heimat. Oder wie er es nennt, „ein ganz tolles schwäbisches Kneipchen mit leckeren Maultaschen“.

Die Gala Universität der Künste (UdK), Hardenbergstr. 32, Charlottenburg, 9.5. , 20 Uhr, Karten unter Tel. 30 67 30 11,Infos: www.rampensau.de