Kulturmacher

Großes Herz für kleine Bands

Seit 22 Jahren bietet Marina Imeri in ihrer Junction Bar in Kreuzberg Berliner Musikern ein Forum. Und nach den Konzerten steht sie selbst als DJane an den Plattentellern

Bars haben als Namenspatronen die unterschiedlichsten Dinge. Manche heißen nach der Stadt, in der sie liegen, andere nach einem weit entfernten Ort, einem berühmten Trinker oder Musiker, der sie irgendwann einmal betreten hat. Die Junction Bar an der Gneisenaustraße heißt so, weil Marina Imeri das J gefiel. „Dieses englische J“, sagt sie, wischt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fährt mit der Zunge über den Klebestreifen ihrer Selbstgedrehten. „Junction, Journey, Jacuzzi – mir ging es nur um den Klang dieses Buchstabens.“ Also schlug sie ein englisches Wörterbuch auf, blätterte bis zum J und blieb bei Junction hängen. „Irgendwie passt das ja auch“, lacht sie. „Immerhin heißt das Kreuzung. Also ein Treffpunkt, ein Ort, an dem Leute zusammenkommen.“

Das hat etwas unbedarftes, eine Bar nach einem Buchstaben zu benennen. „Einfach so“, und: „Warum auch nicht?“, wie Imeri sagt. Dass sie schon immer die Kunst beherrschte, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen, zeigt sich nicht nur in der Geschichte dieses Namens. 1993 eröffnete Imeri die Junction Bar in Kreuzberg. Da hatte sie ein Studium der Theaterwissenschaften hingeschmissen, „ansonsten keine bessere Idee“ und schließlich blieb ihr eben „nichts anderes als Gastro übrig“.

Große Erfahrung mit diesem Geschäft hatte sie vorher nicht. Sie hatte eine Weile in Restaurants Rosen verkauft und dabei ein bisschen Geld gespart. „Nicht so wie die hier“, sagt sie und nickt über die Schulter in Richtung der potentiellen Kreuzberger Rosenverkäufer dieser Tage, „sondern in schickeren Läden“. Auch mit Musikern und ihrer Kunst hatte die Berlinerin damals nicht viel am Hut. Doch sie fand, dass eine Bar ohne Musiker „doch ein bisschen langweilig“ sei. Also installierten sie und ihr damaliger Freund, als sie gemeinsam die Junction Bar eröffneten, eine Bühne in dem Kellerlokal. Ihre Idee war, aus dem Laden eine Jazz-Kneipe zu machen.

Auch Tim Bendzo spielte hier

Doch dieses Konzept gab sie schnell wieder auf. „Nur mit Jazz kann man kaum überleben“, sagt Imeri. Deswegen ist die Bandbreite der Musik, die durch die Räume der Bar tobt, so breit wie man es in Berlin wohl kaum anderswo findet. Soul, Funk und Jazz werden hier gespielt. Popsänger wechseln sich mit Bluesbands und Singer-Songwritern ab. „Viel Rock, versteht sich“, schiebt Imeri hinterher. Da nicken die beiden Lederjacken tragenden Gäste hinter ihr zustimmend und kratzen sich die grauen Dreitagebärte. Die musikalische Bandbreite ist inzwischen zum Konzept der Bar geworden. Die eine Musikrichtung gibt es hier genau so wenig wie die eine Band oder das klassische Publikum. „Unsere Musiker bringen ihre Gäste selber mit“, erklärt die Barchefin. Wer in der Junction Bar auftritt, sorgt selbst für Werbung. Imeri und ihr Team stellen die Bühne.

„Bei alten Bands ist das Publikum deswegen grauhaarig“, treten jüngere Musiker auf, quetschen sich die Studenten am Bartresen. „Wir sind ein Laden für kleine, unbekannte Bands“, sagt Imeri. Große Bands würden das Lokal wohl auch sprengen, schließlich können sich in den Raum gerade einmal 100, allerhöchstens 120 Menschen quetschen. Das heißt nicht, dass, wer in der Junction Bar auftritt, auch unbekannt bleiben muss. Tim Bendzko spielte hier, bevor seine Musik bekannt und bei manchen auch beliebt wurde. Joachim Deutschland, der mit einigen Liedern, vor allem aber mit dem Entblößen seines Hinterteils bei den Vorentscheidungen zum Eurovision Song Contest 2003 für Furore gesorgt hatte, trat 2008 ein paar mal auf die Bühne der Kneipe. Manche Musiker haben sich im Keller der Junction Bar sogar erst kennengelernt. Wie Nader Rahy, der als unbekannter Gitarrist kam und die im Publikum stehende Sängerin beeindruckte, in deren Band er seitdem spielt: Nena.

Kreuzberger Familien-Betrieb

Marina Imeri erzählt diese Geschichten gerne. Vielleicht gerade weil sie wenig mit der ursprünglichen Idee einer Jazz-Kneipe zu tun haben. Die Geschichte der Junction Bar ist vor allem von Veränderung geprägt. Imeris damaliger Freund, mit dem sie das Geschäft Anfang der 90er-Jahre begann, ist längst nicht mehr aktuell, das Café im Stockwerk über dem Musikkeller, das einst zur Bar gehörte, betreibt inzwischen ihre Tochter Angela. Ohnehin ist die Bar mehr und mehr zu einem Familien-Betrieb geworden. Imeris Mann steht hinter der Bar, der Schwager gehört zu den festen Mitarbeitern, eine ihrer Cousinen war von Anfang an dabei. Trotz aller Veränderungen gibt es aber auch Dinge, die sich nicht verändert haben.

„1993 kosteten die Konzerte hier zehn Mark Eintritt“, erzählt sie. Und jetzt, 22 Jahre später, bezahlen Gäste nach wie vor nur fünf Euro. Die Preispolitik ist nicht das einzige, das die Zeiten überdauert hat. Wer die Stufen des Lokals hinabsteigt und sich an dem Türsteher vorbeischiebt findet sich in den 90er-Jahren wieder. Deckenstrahler beleuchten kleine, runde Holztische, die Wände sind dunkelrot gestrichen, über dem Bartresen glitzert eine Lichterkette. Die Junction Bar hat es geschafft, sich festzubeißen im Kreuzberger Pelz und sich trotz aller Veränderungen, die der Kiez in den letzten zwei Jahrzehnten erlebte, nicht abschütteln lassen.

Zu verdanken ist das wohl vor allem Marina Imeri selbst, die sich nicht scheut, ihr Publikum im Notfall selber zu unterhalten. Die Frau, die 1993 „mit Musik nichts am Hut hatte“, legt inzwischen selber auf. Nach den Konzerten beginnt ihr Job als DJane im eigenen Laden. Bis fünf Uhr morgens wird sie nicht müde, dieser Leidenschaft nachzugehen. „Ich kann nach jeder Band auflegen“, sagt sie stolz. „Nach alten AC/DC-Rockern und jungen Popsängern.“ Das liegt wohl daran, dass ihr eigener Musikgeschmack nicht auf ein Genre begrenzt ist. Abseits der Arbeit hört sie Rock, Pop, Funk, Jazz und Soul. So wie es das Publikum ihrer Bar auch tut.