Kulturmacher

Frühjahrsputz am Festungsgraben

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Seit einem Jahr ist der Schauspieler und Regisseur Stefan Kleinert der künstlerische Leiter des Theaters im Palais. Jetzt will der Berliner das Haus in Mitte neu aufstellen

Seit Frühlingsbeginn flanieren wieder Touristen in Berlins klassizistischer Mitte, besuchen die Museumsinsel, das Deutsche Historische Museum und andere architektonische Juwelen. Nur ein Prachtbau scheint im Dornröschenschlaf versunken zu sein, zumindest tagsüber: das Palais am Festungsgraben. Abends indes erwacht das Gebäude wenigstens für ein paar Stunden zum Leben. Dann öffnet nämlich das Theater im Palais seine Pforten.

Stefan Kleinert, seit einem Jahr der künstlerische Leiter des kleinen Kammerspieltheaters, hofft auf eine baldige Wiederbelebung des barocken Baus. Seit hier 2012 die beliebte Tadshikische Teestube geschlossen wurde, fehlt nämlich die Laufkundschaft. „Das bekommen wir zu spüren. Genauso wie die Schließung des Cafés im Opernpalais und die Baustelle der Staatsoper gegenüber“, so Kleinert.

Auf verlorenem Posten fühlt er sich deshalb noch lange nicht. Schließlich ist er als künstlerischer Leiter auch angetreten, um Touristen ins Theater zu locken. „Darauf setzen wir zukünftig noch stärker, denn wir sind ein Berlin-Theater. Wer etwas über die Stadt wissen will, ist bei uns genau richtig“, erklärt Kleinert, der selbst gebürtiger Berliner ist und sich der Stadt auch als Kulturschaffender verbunden fühlt.

Frei und eigenständig arbeiten

Dass er einmal zum Theater gehen würde, stand für den staatlich geprüften Schauspieler und Theaterpädagogen bereits zur Schulzeit fest. Sein Deutschlehrer an der Lichterfelder Max-von-Laue-Schule meinte, Kleinert müsse unbedingt zur Bühne, weil er so eine Komik ausstrahle. Er probierte sich in der schulischen Theater AG aus und fand schnell Gefallen daran. „Ich fand es toll, Menschen zum Lachen zu bringen und dafür auch noch Applaus zu ernten“, erinnert er sich.

Nach seiner Ausbildung arbeitete er an verschiedenen Theatern bundesweit sowie als Radiomoderator. Ans Theater im Palais kam er vor zehn Jahren, zunächst als Leiter des hauseigenen Jungendensembles JUST, später stand er auch als Schauspieler auf der Bühne, dann kamen Regiearbeiten hinzu. Kleinert ist keiner, der sich im Kreis dreht. Er sucht stets neue Herausforderungen. Als ihm im vergangenen Jahr die Stelle als künstlerischer Leiter angeboten wurde, war das für ihn wieder eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Dafür hat er eine Anfrage vom Jungen Schauspiel Leipzig ausgeschlagen. Doch das Theater im Palais ist für ihn längst zur künstlerische Heimat geworden. Von Beginn an hat Kleinert es geschätzt, dass er hier frei und eigenständig und ohne Einflussnahme arbeiten kann. Daraus hat ein vertrauensvoller Umgang mit den Schauspielern und der Intendanz des Hauses entwickelt. Da war es fast schon logisch, dass Kleinert in eine Leitungsposition befördert wurde. Dafür will er dem Haus nun etwas zurückgeben. Sein erklärtes Ziel: Ein volles Theater.

Aktuell liegt die Zuschauerauslastung jedoch bei etwa 65 Prozent. Da ist noch viel Luft nach oben. Daher will Kleinert an der Altersstruktur des Publikums nachjustieren und neue, jüngere Zuschauer hinzu gewinnen. Selbstverständlich ohne ältere Stammbesucher zu verprellen. Geplant ist kein radikaler Umbruch, sondern eine behutsame inhaltliche Veränderung, die im besten Fall allen Theaterfreunden gefällt. Dafür sucht Stefan Kleinert die Zusammenarbeit mit neuen Regisseuren und Autoren, um unterschiedliche Handschriften anbieten zu können. Zudem gibt es Überlegungen, einen namhaften Schauspieler zu engagieren.

Weg vom verstaubten Image

Der bewährte, breitgefächerte Spielplan-Mix aus Theater, musikalischen Veranstaltungen und Lesungen soll aber erhalten bleiben. Dennoch: „Vieles wirkte bislang verstaubt. Da müssen wir mehr Mut haben und in Berlins breiter kultureller Palette die passende Nische für das Theater finden“, bekennt Kleinert durchaus selbstkritisch. Eine Herkulesaufgabe, die er da übernommen hat. Viel Zeit dafür bleibt ihm nicht. „In der Regel hat man fünf Jahre, um längerfristig ein neues Profil zu entwickeln“, sagt Stefan Kleinert. Doch in zwei Jahren steht eine neue Vergabe von Fördergeldern seitens des Senats an. „Und bis dahin muss frischer Wind durchs Theater wehen.“

Dass es funktionieren kann, hat er bereits mit dem Jugendensemble bewiesen. „Wir haben Klassiker modern inszeniert, ohne sie zu zertrümmern“, so Kleinert. Jetzt will er mit bekannten Titeln punkten. Etwa mit der Uraufführung einer Bühnenfassung von „Jekyll & Hyde“, frei nach dem berühmten Roman von Robert Louis Stevenson, die er gerade inszeniert hat.

Den Charakter des intimen Theaters will Kleinert dabei unbedingt erhalten. „Wir sind ein publikumsnahes Haus mit sehr familiärer Atmosphäre. Das ist einzigartig“, weiß Kleinert. Wie das gesamte Ensemble genießt er den direkten Kontakt zu den Zuschauern wie Plaudereien kurz vor der Vorstellung. Selbst dann ist ihm Hektik fern.

Auch privat liebt Kleinert es entspannt und bodenständig, zieht die Ruhe in Lichterfelde dem Trubel in Mitte vor. Hier lebt er seit seiner Kindheit im selben Haus im Schweizer Viertel. Ein kleiner, charmanter Kiez mit kurzen Wegen zum Schlachtensee und zum Wannsee. Ab und an gönnt sich Kleinert auch eine Dampferfahrt. Auf seiner Lieblingsstrecke Richtung Glienicker Brücke und Potsdam kann er immer bestens abschalten und in Ruhe nachdenken. Zum Beispiel über die nächste Theaterinszenierung. Momentan könnte sich Stefan Kleinert einen Stoff wie „Dracula“ gut vorstellen. Blutsauger liegen schließlich im Trend. Damit dürfte ein volles Theater garantiert sein.

Theater im Palais Am Festungsgraben 1, Mitte, Tel. 201 06 93. Infos unter www.theater-im-palais.de