Experiment

Umzugskiste statt Stradivari

Im Klangkabinett aus Alltagsgegenständen entwickeln Viertklässler ein Live-Hörspiel

Konservenbüchse und Oper? Auf den ersten Blick haben beide so gar nichts miteinander zu tun. Da braucht es schon Menschen wie Stefan Roszak, 20 Viertklässler und einen Workshop, um das banal Alltägliche mit der hohen Kunst zu verbinden. Der Musikpädagoge Roszak leitet das Projekt „Meeresrauschen“, das von der Deutschen Oper Berlin angeboten wird. Sein Ziel ist es, gemeinsam mit den Schülern ein eigenes Live-Hörspiel zu entwickeln, in dem sie sich mit dem Klang des Meeres auseinandersetzen. 14 Doppelstunden haben sie dafür Zeit.

Es ist ein Donnerstagvormittag, kurz nach der großen Pause an der Wilmersdorfer Comenius-Schule. Bis eben war Raum 103 mit seinen weiß-blauen Wänden noch ein stinknormaler Klassenraum: Die Schüler haben im Sitzkreis Klangforschung betrieben. Sie haben Adjektive gesammelt, um die Stimmung des Meeres zu beschreiben, die sie später vertonen wollen. Und sie haben ausprobiert, wie unterschiedlich sich das anfühlt, wenn man Worte ängstlich raunt oder wütend herausschreit.

Doch das war vor 20 Minuten, bevor die Schüler auf den Pausenhof gingen. So lange hat Stefan Roszak gebraucht, um den Raum in ein Klangkabinett zu verwandeln. Wo eben noch Kissen vor dem Whiteboard durcheinanderlagen, haben sich jetzt kleine Klanginseln gebildet. Auf Noppenschaumstoffmatten liegen Gegenstände, die man eher mit einem Baumarkt als mit der Oper verbinden würde. Durch die besondere Inszenierung und das liebevolle Arrangement aber haben sie sich aus ihrer ursprünglichen Funktion gelöst und sind zu Instrumenten geworden: Der Zapf-Umzugskarton und der kleine Strohbesen haben sich in eine Windmaschine verwandelt, Messer und Gabel kommen als Besteck-Metallophon daher. Und auch die Schüler – sie wissen es nur noch nicht – haben eine Transformation durchlaufen. Sie sind zu Musikern und Komponisten geworden.

„Es geht hier nicht um zusammengeknautschte Joghurtbecher, die mit Reis gefüllt sind – das klingt scheußlich und sieht grässlich aus“, erläutert Stefan Roszak. Er ist gelernter Klavier- und Cembalobauer, hat Schulmusik an der Universität der Künste in Berlin studiert und sich auf die Vermittlung von experimenteller Musik und Instrumentenbau sowie Klangkunst und Improvisation spezialisiert. Ihm ist das haptische und ästhetische Erleben wichtig. „Mit der räumlichen Inszenierung steht und fällt das Konzept, denn dadurch verändert sich die Raumfunktionalität. Die Situation bekommt Aufforderungscharakter: Das kreative Potenzial wird getriggert“, sagt der Pädagoge.

Und tatsächlich. Als die Schüler den Raum wieder betreten, folgen sie dem Ruf von Kochtopf und Kronkorken. Vorsichtig nähern sie sich der Ozean-Trommel – einem Tablett mit Glasperlen –, ziehen behutsam am Nylonfaden des kleinen Waldteufels (siehe Kasten) und klimpern mit den Kupfermünzen: es schrabbt, rauscht und trötet im Raum.

Lächelnd beobachtet Ulrike Walther das Treiben: „Der Workshop ist ein großes Glück für die Schule. Ich selbst könnte so etwas gar nicht entwickeln“, sagt die Lehrerin. Sie ist für die Inklusionsklasse, in die auch sechs Kinder mit Förderbedarf gehen, verantwortlich. Es war ihre Idee, sich für das Projekt „Meeresrauschen“ bei der Deutschen Oper Berlin zu bewerben, das mit einer Aufführung begann.

Bereits im Dezember haben sich die 20 Schüler das Kindermusiktheater „Gold“ in der Tischlerei der Deutschen Oper angesehen. Angelehnt an das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ untersuchen darin eine Sängerin und ein Schlagzeuger den schmalen Grat zwischen berechtigtem Wunsch und maßloser Gier. Der Komponist Leonard Evers transportiert in seiner Musik die unterschiedlichen Zustände des Meeres – unterstützt vom Publikum, das dabei hilft, die verschiedenen Stimmungen darzustellen.

Inspiriert von dem Opernbesuch entwickelt Stefan Roszak diese Idee mit den Schülern nun weiter. Gerade feilen sie an der Atmosphäre ihres Stücks: „Das Blubbern hier in der Schüssel und das Regenrohr klingen nicht sehr bedrohlich“, merkt Béla (9) an. Die Klasse diskutiert, welche Instrumente eine bestimmte Stimmung wohl am besten wiedergeben, wer zu leise war – und wem hingegen etwas piano ganz gut tun würde. Ein Dirigent wird bestimmt, Einsätze und Zeichen vereinbart. Während die Kinder so ihr eigenes Hörspiel auf die Beine stellen, lernen sie nicht nur zuzuhören und zu improvisieren. Sie erweitern auch ihr musikalisches Wissen und schärfen ihr ästhetisches Urteilsvermögen. Die Schüler sind begeistert. Juliane (9) sagt: „Es ist toll. Wir können unsere Phantasie benutzen. Das ist normalerweise im Unterricht nicht so: Jetzt können wir etwas Eigenes entwickeln und alles ausprobieren.“

Am Anfang waren sie und ihre Mitschüler eher skeptisch. Alva (9) erzählt: „Als ich gehört habe, dass wir nicht auf normalen Instrumenten spielen, dachte ich, dass das doof wird. Aber das stimmt nicht: wir machen richtige Musik.“ Sie sind schon etwas aufgeregt. Denn am Ende des Projekts wartet der Orchesterprobensaal der Deutschen Oper Berlin. Hier wird die Klasse ihr Live-Hörspiel aufführen. Aber wer die Truppe beobachtet, weiß: Grund zur Besorgnis besteht nicht. Hier im Raum 103 probt ein richtiges Orchester. Die Musiker schauen aufmerksam und konzentriert auf Dirigentin Hanife. Die Neunjährige hebt die Arme und gibt den Einsatz: Die Ocean-Drum setzt ein und Roszak bläst eine Fanfare – auf dem Gartenschlauch.