Drama

Frauenkleider stehen ihm gut

François Ozon zeigt, wie belanglos ein Film ist, wenn beim Melodrama das Drama fehlt: „Eine neue Freundin“

Die Frau eines Mannes, der gerne Frauenkleider trägt, stirbt. Das Paar hatte eine Tochter. Der Mann verliebt sich in die beste Freundin seiner gestorbenen Frau, die ihn auch anziehend findet, vorausgesetzt, er trägt Kleider und Pumps. Diese Freundin wiederum lebt in einer heterosexuellen Beziehung. Um es mit dem Facebook-Beziehungsstatus auszudrücken: Es ist kompliziert.

„Eine neue Freundin“, der jüngste Film von François Ozon, beginnt mit einer Trauerfeier, in der Laura zu Grabe getragen wird. Am stärksten beweint ihr Ableben Claire (Anaïs Demoustier), ihre beste Freundin seit Kindheitstagen. Sie ist burschikos, rothaarig und hübsch anzusehen und verheiratet mit Gilles, gespielt von Raphaël Personnaz, einem der ansehnlichsten Männer, die der französische Film dieser Tage zu bieten hat.

Passend zu den hübschen Menschen ist die Ausstattung gewählt, wie es sich für einen Film von Ozon („8 Frauen“, „Swimming-Pool“, „In ihrem Haus“) gehört: Mondän, geschmackvoll und hochwertig. Ozons Filme sind auch immer Werbefilme für Frankreich und den Kapitalismus. Die gehobene Mittelklasse, das kann man aus seinem Werk schließen, mag zwar auch Sorgen haben, sie sind aber dank gut gekühltem Wein und ein paar schmucken Kleidungsstücken erträglich.

Verheiratet war Laura mit David (Romain Duris), der nun mit der kleinen Lucie daheim ist. Claire überrascht ihn, als er in seinem Haus dem Baby das Fläschchen gibt – in einem Kleid. Der Klassiker, mit dem David die Situation zu bereinigen versucht – „Ich kann Dir alles erklären“ –, hilft in dieser Situation wenig.

Claire hatte bei der Trauerfeier in der Kirche geschworen, dass sie sich um ihr Patenkind und den Mann ein Leben lang kümmern werde. Dass dieser Mann lieber eine Frau sein möchte, davon war nie die Rede.

Ein Teil der Verwicklungen resultiert daraus, dass Claire ihrem Mann verschweigt, dass David eine feminine Seite hat. Sie gibt David den Tarnnamen Virginia. Die beiden machen dann allerlei Frauensachen: David/Virginia lädt Claire zu sich daheim ein und führt die Kleider vor, die einst Laura getragen hat. Sie wechseln Sätze wie „Der Lippenstift steht dir unheimlich gut“ und „Ich möchte meine Beine zeigen“. Sie wagen sich in einem feschen roten Sportwagen in die Innenstadt, in dem David ein ebenso fesches Kostüm trägt. Sie besuchen eine Shopping-Mall. Die erste Unsicherheit von David/Virginia in der Öffentlichkeit legt sie sich dann schon bald: Beim Verlassen des Geschäfts werden sie mit den Worten „Auf Wiedersehen, die Damen“ verabschiedet. Die beiden lächeln sich glücklich an. Puh, war das ein Abenteuer.

Man wartet sehr lang und sehr geduldig und sehr vergeblich auf eine Wende, die den Film von dieser kompletten Belanglosigkeit befreit. Über „die Lust in ihrer ganzen Unberechen- und Unbenennbarkeit“, die „Spiegel Online“ erkennt, erfreut man sich nur, wenn man das Gedächtnis ausschaltet. 1994 sang Damon Albarn „Girls who are boys / who like boys to be girls / who do boys like they’re girls / who do girls like they’re boys“. Der Blur-Song war ganz schön provozierend, aber jede Provokation hat ihre Zeit. Und so ist es folgerichtig, dass Ozon eine Gesellschaft 2015 abbildet, die in Genderspielereien alles gesehen, alles gehört, alles erlebt hat.

Womit wir zum Problem des Films kommen: David spielt Verstecken, doch vor wem? Die Umwelt, so wie Ozon sie darstellt, stört sich nicht an dem Transvestiten. Claires Mann Gilles ist tolerant wie ein UN-Sonderbotschafter. Selbst für die tiefkatholischen Schwiegereltern, die von Davids Leidenschaften zufällig erfahren, ist das Geschlechterspiel eine Petitesse. So läuft der Film ins Leere, es ist ein Melodrama ohne Drama.

Ozon bildet eine ultraliberale Gesellschaft ab. Und diese taugt nicht als Kulisse für einen Gewissenskonflikt. Ozon zeigt, wenn auch ungewollt, einen Ausblick, was kommt, wenn es keine Gender-Diskriminierungen mehr geben wird. Ob Claire nun mittellesbisch und David neohetero ist, ist uninteressant. Sie ist halt ein bisschen scharf auf ihn, wenn er Frauenkleider trägt. Kein Grund, gleich einen ganzen Film daraus zu machen.

Drama: F 2014, 108 min., von François Ozon, mit Romain Duris, Anaïs Demoustier, Raphaël Personnaz, Jean-Claude Bolle-Reddat

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