Drama

Eine Mutter schlägt man nicht

Aufwühlendes Drama über das Reizthema Missbrauch in der katholischen Kirche: „Verfehlung“

Im Haus des Herrn gibt es viele Teppiche. Und der Herr Kardinal ist entschlossen, diese Geschichte unter seinen Perser zu kehren. Die moderne Gesellschaft, doziert er, sei in einem schlechten Zustand: „Wir verkörpern etwas, wonach die Menschen sich sehnen.“ Und das sei Stabilität. Und: Die Kirche sei die Mutter. Und: „Eine Mutter schlägt man nicht.“

Dafür würde man diesem Mann gerne eine verpassen. Für die widerliche Selbstgerechtigkeit. Für das verlogene Gefasel von Barmherzigkeit, das selbstverständlich nicht dem Opfer gilt, sondern dem Täter. Der seit Jahren – warum überrascht uns das nicht? – von der Institution gedeckt wird. Eigentlich hätte man gedacht, dass das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche abgehakt wäre. Weil alles darüber gesagt ist. Weil die Statistik für sich spricht: 2012 traten in Deutschland 118.335 Menschen aus der Katholischen Kirche aus, 2013 waren es 178.805, 2014 soll schon wieder ein neuer Rekord aufgestellt worden sein.

Und dann kommt ein Film wie dieser. Vom Aufregungspontenzial her eher antizyklisch. Ohne alle Polemik. Gedreht von einem Mann, der selber mal Priester werden wollte. Von einem, der rückblickend sagt: „Wir hatten alle das Gefühl, Teil einer Elite zu sein.“ Der von „Korpsgeist“ spricht und von einem absolutistischen System. Gerd Schneider hat seinen kraftvollen Erstling „Verfehlung“ genannt. Der Titel zielt auf die Correctio fraterna, die Pflicht zur brüderlichen Zurechtweisung, die im Katholischen Erwachsenen-Katechismus verankert ist. Der Film ist eine Sektion. Er zeigt in kühlem Grau-Blau, wie einer sich an der Moral abarbeitet, von der sich der laufende Betrieb schon lange verabschiedet hat. Die ungleichen Brüder heißen Jakob (Sebastian Blomberg), Dominik (Kai Schumann) und Oliver (Jan Messutat). Jakob ist Gefängnispfarrer, Dominik macht Jugendarbeit, Oliver im Bistum Karriere. Dominik ist der Täter, Oliver der Mitwisser, Jakob ist der, den die Lügner in Verzweiflung stürzen.

Blomberg, der aussieht wie der junge Montgomery Clift, spielt ihn mit einem Staunen, das in Ungläubigkeit und Wut umschlägt. Es ist sein Film. Und einen winzigen Moment macht man sich Sorgen um diesen Helden, als er – aufgewühlt und empört – mit seinem Wagen auf die Gegenfahrbahn gerät. Aber das tut Schneider dem Zuschauer dann doch nicht an, diesen Triumph gönnt er der Kirche nicht. Einer Institution, die im Grunde auch nur Arbeitgeber ist und ihrem Angestellten droht, er möge sich gut überlegen, was er tue. Am Ende, wenn Jakob begriffen hat, dass die Correctio fraterna auch nur ein Wort ist. Eine Regel, an die sich weder die Karrieristen noch die Kardinäle halten.

„Sie werden nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“, sagt Jakob zu einem Häftling, „egal was Sie getan haben oder tun werden.“ Dafür, die richtige Entscheidung zu treffen, braucht er seinen Gott nicht, dafür braucht er in seiner Kirche Zivilcourage.

Drama: D 2014, 95 min., von Gerd Schneider, mit Sebastian Blomberg, Kai Schumann, Jan Messutat, Sandra Borgmann

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