Drama

West-Berlin als Groteske

Oscar Roehler erfreut sich an den Absurditäten der Mauerstadt: „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Die Freundin hat mit Robert klare Pläne. „Wenn wir fertig mit dem Studieren sind, dann gehen wir nach Erlangen.“ Sie könnten doch beide Lehrer werden und sie so lange unterrichten, bis sie schwanger wird und später die Kinder aufzieht. Heute stünde aber erst einmal eine Partie Federball an. Sie sagt das in einem aufgeräumthysterischen Tonfall, ihr gegenüber sitzt Tom Schilling, der ihren Freund Robert spielt, und dieses Ich-möchte-gerne-woanders-sein-Gesicht macht, dass ihn in dem Berlin-Werbefilm „Oh Boy“ berühmt gemacht hat. Bedrängt von den Sehnsüchten seiner Freundin, bleibt Robert nur noch ein letzter, ihm sichtlich unangenehmer Ausflucht: ihr die Wahrheit ins Gesicht brüllen.

Er wolle nach Berlin, dort wolle er Drogen nehmen und Sex haben und das nicht zu knapp, mit allen Frauen, die er auftun würde, schreit er, denn „die tragen Strapse in Berlin“. Um zu zeigen, wie ernst es ihm ist, rasiert er sich die Haare ab. Seine Freundin, mittlerweile eher aufgelöst-hysterisch, schreit unkontrolliert, Roberts Verwandlung in einen Punk wird untermalt durch Public-Image-Klassiker „This is not a love song“.

Die ersten Minute des neuen Films von Oscar Roehler klären gleich einmal die Fronten. Er trägt den programmatischen Titel „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“. Denn die Kiffer in ihren bunten, wallenden Klamotten und Zottelhaaren, die unverständliches Zeug summen und ständig bekifft sind, sind in der Überzahl in Roberts Leben. Sie sind in der Überzahl, selbst sein Lehrer, der ein gleich stark ausgeprägtes Interesse an Klassenkampf und Schülerinnen hat, trägt seine blonden Haare zottelig. Einen einzigen Kumpan hat Robert, in der Provinz hat man ja kaum Auswahl: Gries trägt einen bemerkenswert unansehnlichen Pullover, hat Akne, fettige Haare und einen unsteten Blick.

In den ersten Minuten dachte man irrigerweise, er sei der missratene Sohn des Hausmeisters, aber da erfährt man von Gries, dass er „schwuler Nazi“ sei. Na dann. Fredrick Lau spielt Gries, es ist nach dem Berlinale-Beitrag „Victoria“ sein zweiter Film binnen Wochen, und der Mann ist in seiner Wandlungsfähigkeit und seinem kraftvollen Spiel ein Naturwunder.

Wir sind am Beginn der 80er-Jahre, und Deutschland ist fest im Griff der Hippies und Spießer. Ganz Deutschland? Nein, da gibt es noch einen hochsubventionierten Fleck in Deutschland, in dem man die ganze Nacht trinkt und dabei cool rumsteht. Willkommen in West-Berlin. Oscar Roehler hat aus der Mauerstadt eine Groteske gemacht. Alle Figuren sind überzeichnet, die Situationen wechseln zwischen albern und absurd. Gut möglich, dass sich manche an dem Pennälerhumor stören. Aber es ist auch befreiend, dass endlich ein Künstler die Verklärung von West-Berlin beendet und der nachfolgenden Generation zuruft: So geil war die Zeit auch wieder nicht, lasst euch durch das Gerede der Veteranen nicht verwirren.

Robert zieht nach Berlin und trifft einen Held jener Zeit, Blixa Bargeld (Alexander Scheer). Der redet jede Menge Unverständliches maximal bedeutungsschwanger. Und maximal authentisch. Robert besucht seinen Vater (Samuel Finzi), der früher Kassenwart der RAF war und immer von den guten revolutionären Zeiten mit „der Gudrun“ berichtet. Und wie es sich für Oscar Roehler gehört, lässt er keine Möglichkeit ungenutzt, um nicht an sein Mutter-Trauma zu erinnern. In „Tod den Hippies!!“ übernimmt Hannelore Hoger die Rolle, die kettenrauchend in einem TV-Interview darlegt, mit welchen Mitteln sie versucht hat, Robert loszuwerden, als sie mit ihm schwanger war, und wie sehr sie es bedauert, dass sie ihn nicht abgetrieben hat. Selbstredend schaut sich Robert ihre öffentliche Abrechnung an.

Oscar Roehler hat einen Episodenfilm gedreht: Robert und das Sexkino. Robert und der Darkroom. Robert und seine süße Freundin Sanja (Emilia Schüle). In ihrer unverputzten Wohnung mit Blick auf den Todesstreifen kredenzt sie ihm Nudeln mit Butter und Spiegeleiern. Es war die Zeit, als man Besseres zu tun wusste, als so ein Bohei um das Essen zu machen. Früher war doch nicht alles schlecht.

Drama: D 2014, 94 min., von Oskar Roehler, mit Tom Schilling, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Frederick Lau, Emilia Schüle

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