Knetfilm

Ab durch die Hecke

Zu seinem 20. Geburtstag kommt der berühmte Hammel nun auch ins Kino: „Shaun –  Das Schaf“

Wenn Nebenfiguren eines Animationsfilms die Herzen der Zuschauer erobern, dann können sie auch den Aufstieg in die Star-Liga meistern. Wie die Pinguine aus „Madagaskar“, die flugs ihren eigenen Film bekamen. Auch die Geschichte des berühmtesten Schafs der Welt hat vor 20 Jahren mit einer Nebenrolle in Nick Parks Knetanimationsfilm „Wallace und Gromit unter Schafen“ begonnen. Damals war es noch ein kleines, gefräßiges Schäfchen, das sich von seiner Herde entfernte, um eigene Wege zu gehen. Es schlüpfte ins Haus des britischen Knetgummi-Duos, fraß sich durch Vorräte und Inventar und geriet in die „Waschen-Scheren-Stricken-Maschine“ von Wallace, woraufhin es die eigene Wolle als Pulli tragen musste.

Damals gab Wallace dem kleinen, geschorenen Eindringling den Namen Shaun, seitdem gehört es zur Aardman-Familie. Gut ein Jahrzehnt später begann das Schaf dann seinen Triumphzug in die Kinderzimmer der Welt. In sechs Staffeln und 130 Episoden á sieben Minuten wurde die Show weltweit in 180 Länder verkauft, was durch die synchronfreundliche Sprachlosigkeit der Helden erleichtert wurde, da die Schafe, ihr Hirtenhund Bitzer, die Schweine, die Gans und der Gockel auf ihrem Bauernhof dialogfrei kommunizieren.

Dieses Markenzeichen haben nun auch die Regisseure des Kinodebüts bewahrt, Mark Burton, der als Autor schon an „Madagaskar“ und bei den Aardman-Spielfilmen „Chickenrun“ und „Wallace und Gromit und das Riesenkaninchen“ beteiligt war, und Richard Starzak, der die TV-Serie „Canimals“ erschaffen hat, in der eine Schar von Elfen Schabernack treibt.

Wie in der Serie beginnt auch der Kino-Spaß damit, dass Shaun seine Herde zum Ausbruch aus dem täglichen Einerlei anstiftet. Wie immer im Aardman-Universum muss man wachsam sein für die unzähligen Wort- und Bildspiele am Rand der aberwitzigen Slapstick-Kettenreaktionen, um den Blick auf den Bus zu erhaschen, der im Vorbeifahren Werbung macht für die Idee, einen Tag Auszeit zu nehmen. Ein flotter Zusammenschnitt etabliert am Anfang des Films die ermüdende Routine des immer gleichen Alltags, Kindheit und Jugend eines Schafs auf dem Bauernhof, der Hahn kräht, der Bauer treibt die Herde aus dem Stall, fressen, schlafen, geschoren werden.

Wie in den Fernsehepisoden stiftet Shaun zum Abenteuer an, das nun allerdings kinogerecht vom Bauernhof weg in die nächstgelegene große Stadt führt, die aussieht wie Brixton, wo die Aardman Studios stehen. Das morgendliche Schäfchenzählen verwandelt Shaun ab durch die Hecke und über den Zaun zurück in eine Endlosschleife, die den Schäfer in Schlaf versetzt. Die anschließende Kettenreaktion führt dann allerdings dazu, dass er im Wohnwagen in die große Stadt rollt, wo er beim Crash sein Gedächtnis verliert, weshalb Shaun und die Herde zur Rettung eilen müssen.

Während ihr Meister die Künste des Schafscherens auf eine ziemlich irre Karriere als Szenefriseur anwendet, setzen die Tiere Himmel und Hölle in Bewegung, um ihn zurückzuholen. Zu dem von Shaun erdachten Masterplan gehört, dass sich die Schafe im Secondhandladen jeweils zu zweit übereinander mit Kleidern, Schal, Mütze und Perücke als Gäste eines Edelrestaurants verkleiden oder auch in ein wackliges Pferd, das den Wohnwagen nach Hause zieht. Nach den computer-beschleunigten Piraten- und Weihnachtsabenteuern ist der Shaun-Film e deutlich weniger hektisch und ausladend. Näher an den liebenswerten Aardman-Wurzeln, bewahrt es stattdessen den liebenswerten Charme des Lebens auf dem Bauernhof und bietet dennoch auch den Erwachsenen viel Stoff für Entdeckungen, wie die beiläufigen Liebeserklärungen an hartgesottene Filme wie „Das Schwiegen der Lämmer“ oder den augenzwinkernden Kommentar zu den Mechanismen des modernen Social-Media-Marketings.

Was am Ende aber zählt, ist die Teamarbeit, mit der die Herde unter Shauns Anleitung großangelegte Manöver meistert, wie den Kampf gegen den bösen Tierfänger, einen Gefängnisausbruch aus dem Tierheim, die Entführung des Bauern aus dem Krankenhaus und die Rückfahrt auf den heimatlichen Bauernhof. Alles in allem ein wunderbares Fest zum 20. Geburtstag des berühmtesten Schafs der Welt.

Knetfilm: GB 2014, 85 min., von Mark Burton und Richard Starzack

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