Liebesdrama

Ich liebe die Schwester der Braut

Benoît Jacquot spielt lustvoll mit den Regeln des Melodrams: „3 Herzen“

Ein verpasster Zug, ein Abend in einer verschlafenen Provinzstadt, zwei Fremde, die sich begegnen: Davon hat uns das Kino, zumal das französische, schon oft erzählt. Aber diesmal ist es ganz anders. Der Blick des Films formiert das Vertraute neu. Er ist mit einem Elan erzählt, der sich souverän darüber hinwegsetzt, dass die Klischees sich längst erschöpft haben, und ihnen ihre ursprüngliche Gültigkeit zurückerstattet.

Eines Abends begegnet der Steuerprüfer Marc (Benoit Poelvoorde) einer Unbekannten (Charlotte Gainsbourg), deren Identität er nicht erfährt. Ihre Wiederbegegnung am nächsten Freitag in den Pariser Tuilerien vereitelt ein Herzanfall, der ihn auf dem Weg ereilt. Nun sucht er verzweifelt in der namenlosen Kleinstadt nach der Unbekannten. Zufällig lernt er Sophie (Chiara Mastroianni) kennen, heiratet sie und entdeckt viel zu spät, dass sie die Schwester der Gesuchten ist. Wie viel die Mutter der unzertrennlichen Geschwister ahnt, offenbart deren Darstellerin Catherine Deneuve nur der Kamera.

Benoit Jacquot belebt einen Grundimpuls des Kinos wieder: das Melodram. Er nimmt es auseinander und setzt es wieder zusammen, bis es in schöner Kenntlichkeit neu ersteht. „3 Herzen“ ist ein Wechselbalg aus Tradition und Eigensinn. In der Regel steht eine Frau im Zentrum dieses Genres, hier ist es ein von Angstzuständen gepeinigter Mann, der überdies noch von einem Komiker (allerdings sehr bewegend) verkörpert wird. Die Moral wird den Figuren des Melodrams üblicherweise von der Gesellschaft auferlegt, hier regt sie sich allein in ihnen selbst. Den Widerstreit zwischen Sehnsucht und Schicksal trägt die Kamera mit kluger Agilität aus. Bis zur verblüffenden Schlusspointe ist das Drehbuch brillant um das Motiv der Dopplung, des Wiederaufgreifens von Gesten, Requisiten und Situationen, herum konstruiert. Selbst dem viel gescholtenen Verbündeten des Melodrams, dem Zufall, verleiht es ungekannte Noblesse.

Liebesdrama: F 2015, 104 min., von Benoît Jacquot, mit Chiara Mastroianni, Charlotte Gainsborg, Catherine Deneuve

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