Drama

Verheiratet mit der Mafia

JC Chandor lotet das amerikanische Unternehmertum aus wie kein anderer: „A Most Violent Year“

Wenn J.C. Chandor einmal so berühmt sein wird, wie er es jetzt bereits verdient, sollte man seine drei ersten Filme vielleicht in dieser Reihenfolge ansehen. Zuerst „A Most Violent Year“, in dem sich binnen drei Tagen entscheidet, ob ein junger New Yorker Unternehmer den steilen Weg nach oben oder in die Pleite geht. Dann „Margin Call“, wo sich innerhalb einer Nacht entscheidet, ob eine Großbank abstürzt oder ihre Konkurrenten aussticht. Und schließlich „All is Lost“, wo sich in 48 Stunden entscheidet, ob ein Manager, der alles erreicht hat, von seinem Segeltrip lebendig oder gar nicht zurückkehrt.

Dieser Regisseur, über dessen Biografie so wenig bekannt ist, besitzt ein seltenes Talent. Amerikanische Regisseure können spannende Filme mit banalen Dialogen; europäische Filmemacher können intelligente Dialoge, die eher unspannend sind. Chandor kann beides. „A Most Violent Year“ firmiert als Action-Thriller. Das ist Etikettenschwindel, denn es gibt kaum Action. Und auch bei der Action steht am Ende immer ein Dialog oder zumindest der Versuch, einen zu führen. Chandors Meisterschaft besteht darin, mit jedem Dialog die Spannungsschraube anzuziehen.

Abel Morales, so heißt sein Held, hat eine Anzahlung auf ein Industriegelände in Brooklyn geleistet, in Kürze muss er die Gesamtsumme aufbringen. Immer wieder werden seine Öl-Lkws entführt und geleert. Der Staatsanwalt hat sein Unternehmen im Visier. Die Bank beginnt an seiner Firma zu zweifeln. Und seine Frau macht ihm die Hölle heiß, weil sie die Familie von Unbekannten bedroht fühlt.

Wir befinden uns im Jahr 1981 – laut Statistik das gewalttätigste Jahr in der jüngeren Geschichte New Yorks –, und Abel Morales ist Latino, steht also auf der untersten Sprosse der Einwanderer. Chandor zeichnet die soziale Hackordnung präzise. Die weiße Oberschicht kommt in diesem Teil Brooklyns nicht vor. Das Industriegelände gehört orthodoxen Juden. Das Fuhrgeschäft ist in den Händen italienischer Einwanderer. In der Stadtverwaltung versuchen einige Schwarze den Aufstieg, darunter der Staatsanwalt. Und geheiratet hat Abel in eine italienische Mafia-Familie.

„Soll ich meine Brüder darauf ansprechen?“ fragt seine Frau. Das ist weniger ein Angebot als eine Drohung. Abel Morales ist ein amerikanischer Held, der mit ungeheurer Energie an dem arbeitet, was die Amerikaner am besten können: ein Business aufbauen. Morales ist aber auch ein unamerikanischer Held, weil er sich mit aller Macht gegen Gewalt wehrt.

„A Most Violent Year“ ist eine Fallstudie über den unausweichlichen Zusammenhang von Aufstieg, Korruption und Gewalt. Abel Morales hat das Zeug zu einem Rockefeller, aber noch behindern ihn moralische Maßstäbe. In 20 Jahren könnte er wie der oberste Boss in „Margin Call“ sein, der seine Bank mit allen Mitteln retten will, auch wenn er Tausende Kleininvestoren ruiniert. Und in 40 Jahren könnte er der Einhandsegler von „All is Lost“ sein, der alle Business-Kämpfe ausgefochten hat bis auf den letzten, den mit der Natur. Jeremy Irons und Robert Redford waren Chandors erste Kapitalismus-Kapitäne, doch Oscar Isaac (bekannt geworden als „Llewyn Davis“ bei den Coens) ist noch überzeugender, weil er kein fertiger Charakter ist. Man sieht ihm richtig an, wie ihn der Druck von allen Seiten verformt.

Man könnte in Chandor einen Erforscher moderner Maskulinität vermuten – gäbe es nicht auch die Rolle der Anna Morales. Jessica Chastain spielt sie, mit ähnlich verborgener Härte wie in „Zero Dark Thirty“, hier aber gepaart ist mit einem latenten Hunger nach Sex, Aufstieg, Luxus. Seit langem hat es im amerikanischen Kino keine Frauenrolle mehr gegeben, die derart wächst, bis sie zuletzt die alles entscheidende ist.

„A Most Violent Year“ ist der große Übersehene der US-Preissaison mit gerade einer Golden-Globe-Nominierung. Dafür sind seine Qualitäten nicht schaustellerisch genug. Wir sind jetzt schon gespannt auf Chandors nächste Obduktion amerikanischen Unternehmertums: „Deepwater Horizon“, den Film über die schlimmste Ölpest aller Zeiten im Golf von Mexiko.

Drama: USA 2014, 125 min., von JC Chandor, mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo

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