Kulturmacher

Dem Lustspiel verpflichtet

Der Schauspieler und Regisseur André Nicke leitet seit 15 Jahren das Stadttheater Cöpenick. Und steht als kantiger Soldatenkönig in der Premiere „Kronjuwelen“ auch selbst auf der Bühne

Dass ganz Berlin ins Stadttheater Cöpenick pilgert, um seine Loriot-Abende zu sehen, lässt Regisseur und Intendant André Nicke manchmal verzweifeln. Zum einen wünscht er sich dann ein größeres Haus mit 200 bis 400 statt 60 bis 80 Plätzen. Zum anderen schmälert der immense Zuschauer-Ansturm auf die humoristischen Abende seine Hoffnung, hier irgendwann einmal neben Komödien doch noch das klassische Repertoire zu inszenieren. Aber er weiß: „An einem privaten Haus wie unserem muss erfolgsorientiert inszeniert werden.“ Mit anderen Worten: Der Geschmack des Publikums bestimmt den Spielplan. Und der ähnelt, laut Nicke, in weiten Teilen dem Programm der Kudamm-Bühnen. Die Zuschauer schätzen Komödien mit Tiefgang und Humor mit Hintersinn. Deshalb rollt das Stadttheater Cöpenick auch Kabarett-Gastspielen regelmäßig einen roten Teppich aus.

Als André Nicke erstmals im Dezember 1992 zu der Köpenicker Bühne stieß, sah das noch ganz anders aus. Damals wollte Jürgen Hilbrecht, den viele über die Grenzen des Bezirks hinaus als Hauptmann von Köpenick kennen, das alte Stadttheater, das 1889 seine Pforten öffnete, wiederbeleben. Anfangs noch im Festsaal des Rathauses Köpenick, später dann am heutigen Standort in der Kunstfabrik Köpenick wurde vornehmlich Volkstheater gespielt. André Nicke, der als noch recht frischgebackener Absolvent der Ernst-Busch-Hochschule vorher gerade mal ein Jahr lang fest am Carrousel Theater gearbeitet hatte, blieb vier Jahre. Auf Dauer hatte er aber keine Lust, seinen Namen nur auf dem Besetzungszettel zu finden. „Das war mir zu wenig. Dazu ist zu viel Theatermacher in mir drin“, sagt er heute.

Dabei sah es zunächst so aus, als sei die Schauspielerei seine Berufung. 1966 in Bautzen geboren, wollte er bereits als Zweitklässer ein Künstler werden wie seine Nachbarn. Die konnten sich nämlich einen Hund leisten. Im Gegensatz zu Familie Nicke. Als Nicke dann noch im Fasching seine Lust entdeckte, sich zu verkleiden und in verschiedene Rollen zu schlüpfen, hieß das erklärte Ziel Schauspieler werden. Doch nach seinen ersten Bühnenerfahrungen in Berlin erkannte er, dass er auch Talent für das Regiefach hat.

Aus Detmold zurück nach Berlin

1996 ging Nicke nach Detmold, an das größte Landestheater Nordrhein-Westfalens. Dort arbeitete er als Schauspieler und als Regieassistent, machte nebenher noch eine Ausbildung zum Mediengestalter. Im Jahr 2000 hat ihm das Stadttheater Cöpenick dann die Leitung angetragen, und er sagte sofort zu. Eine Entscheidung, die Nicke nicht bereut hat. Er schätzt die kontinuierliche künstlerische Arbeit, die ihm Zeit gibt, ein Ensemble zu formen, und würde sie immer schnelllebigen Engagements vorziehen. Auch wegen der kreativen Freiräume, die er an der kleinen Bühne hat. So haben er und seine Mitarbeiter nach langem Ausprobieren die richtige Mischung für das Theater gefunden.

Heute ist das Stadttheater Cöpenick ein echtes Familientheater für Jung und Alt. Die Hälfte der 280 Vorstellungen im Jahr sind Kindervorstellungen, was André Nicke freut: „Es ist beglückend, wenn junge Mütter, die schon vor 15 Jahren in die Märchenvorstellungen zu uns gekommen sind, heute mit ihren Kindern im Publikum sitzen.“ Und natürlich gibt es immer wieder Komödien. Mittlerweile hat Nicke den dritten Loriot-Abend inszeniert. Der ist, wie alle anderen Vorstellungen seit drei Jahren auch, fast immer ausverkauft.

Ein Komödie um den Alten Fritz

Für Nicke und sein Team ist es frustrierend, wenn Leute an der Abendkasse weggeschickt werden müssen. Doch ein größeres Haus mit mehr Plätzen müsste von der Politik gewollt und subventioniert werden. „500 000 Euro wären das Minimum“, so Nicke. Darunter geht nichts. Schlaflose Nächte wegen Geldmangel im Theater hat er nämlich auch schon oft genug. „Wir sind ein richtiger kleiner Betrieb mit Schauspielern, Bühnenbildner, Maske, Leuten für Technik und Kasse. Die müssen auch bezahlt werden“, sagt er. Dafür reichen die Einnahmen kaum. Bis vor einigen Jahren stand Nicke daher neben seiner Regiearbeit und den administrativen Aufgaben auch noch allabendlich auf der Bühne. Doch die gnadenlose Selbstausbeutung hatte einen hohen Preis: mehrere Hörstürze und ein Burn Out.

Seitdem lässt Nicke es etwas langsamer angehen. Auf der Bühne steht er nur noch, wenn er in die Rolle von Friedrich II. schlüpft. Den kantigen Soldatenkönig gibt er bereits seit 1995 im Comedy-Dauerbrenner „Der alte Fritz und sein Müller“ auf Radio Antenne Brandenburg. Schon 2013 hat er den Hörspiel-Erfolg auf die Bühne geholt. Nun folgt mit „Kronjuwelen“ im März der zweite Streich. Ein Lustspiel selbstverständlich. Das Köpenicker Publikum wird es Nicke danken. Der gesteht: „In Prenzlauer Berg würde unser Stadttheater untergehen. Doch als Künstler sucht man sich eine Nische, die man gestalten kann, und ich habe mich von Anfang an der Idee des Stadttheaters verpflichtet gefühlt. Wir konkurrieren nicht mit der Hochkultur, sondern machen Unterhaltung vor Ort.“

Der Bezirk profitiert in punkto Lebensqualität von dem kleinen Theater. Doch auch André Nicke könnte sich kaum einen anderen Ort in der Stadt vorstellen, an dem er leben möchte. Für ihn liegt der Reiz von Köpenick in der unmittelbaren Nähe zur Natur. Hier kann er in seiner knapp bemessenen Freizeit die Weite des Himmels bei langen Spaziergängen am Wasser genießen und seine Kräfte wieder auftanken. Allerdings ohne den Hund, den er sich als Zweitklässer so sehr gewünscht hat. Nicke ist heute stolzer Besitzer von zwei Katzen. Wie das Leben eben so spielt.

Stadttheater Cöpenick Friedrichshagener Str. 9, Köpenick, Tel. 65 01 62 34, Infos: www.stadttheatercoepenick.de