Kulturmacher

Hinlegen und zuhören

Wenn das Gotteshaus zum Konzertsaal wird: Sigrid Künstner organisiert mit Akanthus die Kulturveranstaltungen in der Heilig-Kreuz-Kirche und in der Passionskirche in Kreuzberg

Akanthus. Oft müsse sie den Namen buchstabieren. „Akanthus – mit k und th“, sagt Sigrid Künstner wie automatisch auch jetzt lieber noch einmal. Akanthus. Das ist das Kultur- und Veranstaltungsmanagement der Heilig-Kreuz- und der Passionskirche in Kreuzberg. Denn diese Kirchen sind auch Konzerthäuser. Orte für Orchester, Bands und Ensembles. Sigrid Künstner und ihr Team verbinden, sie bringen Weltliches und Geistliches zusammen.

„Die Passionskirche war ja meines Wissens die erste Konzertkirche überhaupt“, sagt Sigrid Künstner. Seit Mitte der 80er-Jahre schon gibt es in der burgähnlich anmutenden Kirche am Kreuzberger Marheinekeplatz mehr als Orgelmusik und Chorgesänge. Anfang der 90er-Jahre wurde der Altarraum als Bühne umgebaut und Schallputz aufgebracht – das verbesserte die Akustik. Auch die Heilig-Kreuz-Kirche an der Zossener Straße wandelte sich 1995 zu einer „Offenen Kirche“ und ließ weltliche Veranstaltungen in ihre heiligen Mauern. Das musste natürlich organisiert werden. Und so managt Akanthus, als Arbeitsbereich der Evangelischen Kirchengemeinde „Heilig-Kreuz-Passion“, die Vermietung der Kirchen und arbeitet eng mit den Agenturen zusammen, die immer wieder gern in die Kirchen zurückkommen.

Selbst im Chor gesungen

Vor Weihnachten war der Jazz-Posaunist Nils Landgren da, die Sängerin Vicky Leandros kam auch zum wiederholten Mal in die Passionskirche. In der Heilig-Kreuz-Kirche treten mehr Chöre und Orchester auf, „viele Tagungen, Feste, Empfänge finden dort statt“, sagt Sigrid Künstner. „Die Kirche bietet Platz für ungefähr 430 Besucher. Da es in der Kirche keine Bänke gibt, ist sie aber sehr viel variabler als die Passionskirche. Hier ist zwar Platz für rund 700 Gäste, aber hierher kommen eher die Bands und Ensembles mit einer großen Bandbreite von Weltmusik über Jazz zu Pop.“

Irgendwie war es auch die Musik, die Sigrid Künstner zu Akanthus brachte. „Ich habe früher im Chor der Heilig-Kreuz-Kirche gesungen“, sagt die Frau mit den fröhlichen Augen. Damals habe sie so etwas wie „die Presse“ gemacht, gab „die Veranstaltungen des Chores und der Kirche an Zitty und Tip“. Irgendwann kam dann mal der Pfarrer zu ihr und fragte, „ob ich mir vorstellen könnte, die Veranstaltungen in der Heilig-Kreuz-Kirche zu organisieren. Und ich habe ja gesagt“. So begann die Arbeit von Akanthus, ein Projekt, das mit zwölf ABM-Stellen startete. Gegründet im Jahr 1997. Sigrid Künstner war von Anfang an dabei. Heute sind noch drei der Stellen übrig.

In Schwäbisch Hall geboren, brachte sie ihr Freiwilliges Soziales Jahr nach der Schulzeit nach Berlin. „Dann bin ich irgendwie hängen geblieben“, sagt sie lachend. Sie studierte Germanistik und Italienisch, lebte eine zeitlang in Italien und gab dort Deutsch-Kurse. „Wieder in Berlin habe ich dann in einer Sprachschule und an der Volkshochschule Kurse für Deutsch als Fremdsprache gegeben. Aber nach ein paar Jahren wollte ich dann was anderes“, sagt die heute 56-Jährige. Sie machte eine Weiterbildung im Frauen-Computerzentrum, machte eine berufsbegleitende Weiterbildung in Potsdam in Management, Marketing und Kommunikation, „um mich sattelfest zu machen“ und wuchs so gemeinsam mit Akanthus heran und weiter.

„So ein Projekt wie Akanthus, gibt es, glaube ich, gar nicht mehr. Wie machen unsere Arbeit innerhalb der Gemeindearbeit, sind aber sogenannte Selbstabschließer“, sagt Sigrid Künstner und muss vielleicht ein wenig über das Wort, vielleicht ein wenig über das ratlose Gesicht ihres Gegenübers lachen. „Das heißt, wie haben einen eigenen Haushalt, der sich aus der Vermietung und den Eintrittsgeldern zusammensetzt, aber keine Kirchensteuermittel zur Verfügung – wir sind also Teil der Gemeinde, aber nicht mit am Topf dran.“

Zusammenarbeit mit der Gemeinde

Das ist manchmal schwer, anstrengend ist es sowieso: viel zu tun, viel zu organisieren. Aber Sigrid Künstner schwärmt von der „Riesen-Gemeinde“: „Die sind toll, sehr flexibel. Haben ein großes Interesse an Musik, eigene Ensembles und Chöre.“ Und lassen sich ohne großes Murren auch mal darauf ein, spontan und urplötzlich umquartiert werden zu müssen: Wenn beispielsweise der Kantor proben und eine Rockband zur gleichen Zeit die Akustik testen will, dann muss eine schnelle Lösung her. Sigrid Künstner und ihr Team haben immer eine. Und auch sonst steht ja immer viel an: Sonntagsnachmittagskonzerte, Sonntagsausklänge, Stephan Graf von Bothmer mit seinen „StummfilmKonzerten in der Passionskirche“ oder ab März der Veranstaltungszyklus „Sakrale Oper“, Konzerte mit biblischem Inhalt.

Eine ganz eigene Veranstaltungsreihe von Sigrid Künstner sind seit 2006 die „NachtKlänge“. Dahinter verbirgt sich so etwas wie meditative Weltmusik, ein „Genuss für Ohren und Gaumen“. Jeder Abend in der Heilig-Kreuz-Kirche steht unter einem besonderen Motto, dazu gibt es ein kulinarisches Entrée. „Das besondere an diesen Abenden ist, dass man sie auf dem Boden liegend erleben kann. Hinlegen und runterkommen“, sagt Sigrid Künstner. Hinlegen? „Ja. Ich bin ja auch Yogalehrerin, gebe Kurse in Schöneberg. Das ist mein Ausgleich zur Arbeit und ich bin sehr froh, das zu haben“, sagt Sigrid Künstner und schon erklärt sich, warum sie so unglaublich ausgeglichen und entspannt wirkt. „Wir haben übrigens Fußbodenheizung in der Kirche.“

Während man sich vorstellt, wie man abends auf dem Boden einer Kirche liegt und lauscht, fällt Sigrid Künstner noch etwas ein: Akanthus sei übrigens der lateinische Name für den Bärenklau. „Die Blätter des Bärenklaus sieht man oft an Kirchensäulen“, sagt Sigrid Künstner. „Achten Sie mal darauf.“ Gut zu wissen, leicht zu merken. Wie „Akanthus – mit k und th“. Das bleibt hängen.