Berliner Perlen

Lesen und lesen lassen

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Vor zehn Jahren eröffnete die erste Buchbox am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Inzwischen gibt es vier Geschäfte in Berlin, in denen auch Lesungen stattfinden

Angefangen hat es auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz. David Mesche und Jan Köster haben dort gelesene Bücher verkauft. Mesche ist Buchhändler, in seinem Freundeskreis gab es davon viele, da kam viel Lesestoff zusammen. Und der verkaufte sich gut. „Der Bedarf war groß“, erinnert er sich, „und bald kam uns die Idee: Wieso nicht eine eigene Buchhandlung?“ Wie das ging, wusste er, schließlich ist Mesche vom Fach, hat zuletzt die Esoterik-Abteilung bei Lehmanns geleitet. Da konnte er ziemlich frei agieren, obwohl oder gerade weil Esoterik nicht gerade das Kerngeschäft der Fachbuchhandlung ist, die vor allem Mediziner, Juristen und Wirtschaftsfachleute bedient. Aber Mesches Abteilung lief gut, vielleicht lag das auch an den Räucherstäbchen und Edelsteinen, die er bald ins Programm aufnahm. Weil die für ihn zur Esoterik dazugehörten. Schließlich geht es ihm nicht nur darum, Bücher zu verkaufen, sondern den Menschen Erlebnisse zu verschaffen.

Mit dieser Zielsetzung ist er dann auch vor zehn Jahren an die Gründung seiner eigenen Buchhandlung gegangen. Die Buchbox will vor allem auf die Bedürfnisse der Menschen im Kiez eingehen. Den ersten Laden eröffnete Mesche 2005 in Friedrichshain, drei weitere sind inzwischen in Prenzlauer Berg hinzugekommen. Was da die Bedürfnisse sind, ist klar: Kinder spielen hier eine große Rolle. Besonders deutlich zeigt sich das im Geschäft am Helmholtzplatz. Nach rechts geht es in die Erwachsenenabteilung, nach links zu den Kinderbüchern. Beide Bereiche sind gleich groß. An der Kasse gibt es einen abgesenkten Bereich mit einer Kinderkasse.

Sprechblasen mit Lesetipps

Von Anfang an wollte Mesche, dass sich die Buchbox von gängigen Buchhandlungen unterscheidet. Die Wände sind grün statt weiß, ein angeschlossenes Café sorgt für Gemütlichkeit, auf vielen Büchern sind Sticker mit Sprechblasen, in die Mitarbeiter Lesetipps und Kommentare geschrieben haben. Auf das Individuelle legen Mesche und sein Team großen Wert. Und das ist auch sein Erfolgsmodell. „Im Internet gibt es vielleicht eine größere Auswahl, aber das Erleben, den persönlichen Kontakt kann das Internet nicht bieten.“ Diese Nische hat Mesche für sich genutzt, und längst aus der Nische ein erfolgreiches Unternehmen gemacht, das jährlich zehn bis 15 Prozent Zuwachs verzeichnet.

Der 42-Jährige führt die Buchbox zusammen mit seinem Freund aus Flohmarkttagen. Damals war Jan Köster noch Student, heute ist er Wirtschaftsjurist und der einzige Quereinsteiger im Unternehmen – „aber einen, der mit Zahlen umgehen kann, brauchen wir unbedingt“, sagt Mesche. Die anderen 18Mitarbeiter sind Buchhändler, Literaturwissenschaftler oder auf dem Weg dahin. Und alle verbindet ihre Leidenschaft: Bücher. Bei Mesche fing die mit der Raupe Nimmersatt an, dann folgten die „Fünf Freunde“. Und mit dieser Wahl hat er schon früh ein Gespür für zeitlose Stoffe bewiesen. Immerhin frisst sich die Raupe schon seit mehr als 40 Jahren erfolgreich durch Kuchen, Wurst, Käse und Obst, und über die fünf Freunde ist gerade der vierte Film angelaufen. Kinderbücher liest Mesche noch immer gern, zusammen mit seinen vier und sieben Jahre alten Töchtern, die auch als Testleser in der Buchbox mitwirken. Außerdem liegt bei ihm das neue Buch von Arno Geiger auf dem Nachttisch. Der österreichische Schriftsteller kommt im März zu ihm zu einer Lesung.

Etwa 120 Lesungen veranstaltet die Buchbox im Jahr, in den eigenen Geschäften, im Glashaus der Arena oder im Admiralspalast. Haruki Murakami, Martin Suter oder Daniel Brühl waren schon da, unlängst erst Stephan Thome. Und auch viele Kinderbuchautoren lesen vor. Zum Angebot gehört auch die Reihe „Brot und Bücher“, bei der Mitarbeiter ihre Lieblingsbücher vorstellen, dazu gibt es ein Glas Wein und etwas zu knabbern – und das Ganze bei freiem Eintritt. Alle sechs Wochen findet außerdem ein Klavier- und Vorleseabend statt.

Lesetüten zur Einschulung

Besonders ist auch das Engagement zur Leseförderung. Kinder können Lesekinder werden und Rezensionen zu Büchern schreiben, die noch gar nicht erschienen sind. Erstklässler im Kiez bekommen zur Einschulung eine Lesetüte. Und die Buchbox stellt für Kitas und Grundschulen Lesekoffer zusammen, die ausgeliehen werden können. An Einrichtungen wie das SOS-Kinderdorf werden auch Lesekoffer verschenkt.

Die Ideen zu neuen Projekten entstehen meist bei den Teamtreffen, die einmal im Monat stattfinden. Die Mitarbeiter können dann auch ein Projekt „adoptieren“. David Mesche ist es wichtig, dass sich jeder einbringen kann, denn auch das gehört für ihn zum besonderen Konzept der Buchbox dazu.

Buchbox Prenzlauer Berg: Kastanienallee 88, Lettestraße 5, Greifswalder Straße 33. Friedrichshain: Grünberger Straße 68, Mo.–Sbd., 9.30–20.30 Uhr. Mehr zu den Standorten und Veranstaltungen unter buchboxberlin.de