Kulturmacher

Märchen, Lieder, Kabarett

Nadia Panknin ist seit acht Jahren Theaterleiterin im Familienrestaurant Charlottchen. Auch ein von ihr betreutes Ensemble mit Behinderten tritt dort regelmäßig auf

Die Bildungsvita ist beachtlich. Staatlich anerkannte Erzieherin mit mehrjähriger Tätigkeit als Schulhelferin, akademisch geprüfte Schauspielerin, Theaterpädagogin, dazu Erfahrungen in der Gastronomie: Nadia Panknin hat schon so manches gelernt und gemacht in ihrem Leben. Das kann auch mal hinderlich sein, wenn die Entscheidung fallen muss, was denn nun eigentlich der Hauptberuf werden soll.

Panknin ist um diese Wahl herumgekommen. Das Familien- und Theaterrestaurant Charlottchen hat sie ihr schlicht abgenommen: Seit acht Jahren kümmert sich die 46-Jährige als Theaterleiterin um die Bespielung der kleinen Bühne in einem Seitenraum des Café-Restaurants an der Droysenstraße. „Es ist ja schon ein Glück, einen Job zu haben. Aber dann noch einen, den man so mag, weil man einfach alles einbringen kann...“ Panknin zuckt die Schultern. Es gibt Sätze, die man nicht beenden muss. Als die Stelle im Charlottchen frei wurde, war sie bereits beim Mosaik Unternehmensverbund als Aushilfe tätig. Das gemeinnützige Unternehmen unterhält Behindertenwerkstätten, unter dem Dach der Mosaik-Services Integrationsgesellschaft versammeln sich Gastronomiebetriebe, eine Gebäudereinigung, eine Malerei und ein Naturkost-Laden. Gegründet worden war die Service-GmbH vor 25 Jahren, im Februar 1990 – im Charlottchen, das der erste Betrieb der Gesellschaft wurde. Und das an diesem Montag natürlich auch Gastgeber für die Jubiläumsveranstaltung war.

Schauspiel mit Behinderten

Auch an der Droysenstraße arbeiten, wie in allen Mosaik-Betrieben und -Werkstätten, Menschen mit psychischen oder körperlichen Handicaps. Ein gutes Dutzend von ihnen steht in der Freizeit mit der Mosaik-Theatergruppe von Nadia Panknin auf der Bühne. „Der kleine Prinz“ haben sie einstudiert oder „Ein Sommernachtstraum“. Schauspielerei mit Behinderten sei auch Pädagogik, sagt Panknin, „wenn etwa jemand sehr gebeugt geht und hier lernt, sich aufrecht zu halten und anderen in die Augen zu schauen. Oder unsere Übungen für eine klare, deutliche Sprache“. Aufführungen der Gruppe gibt es unter anderem im Charlottchen.

Dessen Konzept, eine Kombination aus Restaurant mit regionaler Küche, einem Indoor-Spielplatz sowie der von wechselnden Interpreten genutzten Bühne, hat sich seit Jahrzehnten bewährt. Und das nicht nur für Betreiber und Gäste: „Bühnen, die für Kindertheater ohne eigene Spielstätte vermietet werden, sind rar“, sagt Nadia Panknin. Kein Wunder, dass sie sich wegen Bewerbungen um die Spieltermine für das Nachwuchspublikum immer mittwochs und sonnabends sowie am Sonntag nicht sorgen muss. „Angebote kommen praktisch täglich“, sagt sie. Da fällt die Auswahl schon mal schwer.

Natürlich gibt es die bekannten Namen. Kinder-Liedermacher Robert Metcalf geht immer, genauso sein Spartenkollege Helmut Meier. Das Puppentheater mobil gehört fest zum Charlottchen-Programm, ebenso die Darsteller vom Theater Jaro oder die Mobile Märchenbühne. „Immer wieder werde ich gefragt, ob denn Märchen immer noch sein müssen. Und ja, sie müssen sein.“ Wie Nadia Panknin das sagt, klingt es fast nach einem Mantra. Märchen zogen sich auch durch ihre Kindheit. Weniger auf der Bühne zwar, „aber ich habe ganz viel Märchen vorgelesen bekommen“. Einengen lässt sich Panknin dadurch nicht: Sorgsam achtet sie darauf, zwischen Dauerblühern und Immergrün im Kindertheater moderne Themen sowie kleine, nicht so bekannte Ensembles zu streuen.

Bundesliga und Tatort

Vor zwei Jahren kam so das Kleine Rotonda Teatro ins Charlottchen, eine Berliner Gruppe spanischer Clowns und Puppenspieler, deren Ratte Brita „Kinder zwischen null und 103 Jahren“ zum Lachen bringt. Dabei liegt Panknin nicht nur die Abwechslung am Herzen. Lange genug spielte und arbeitete sie selbst in Off-Theatern. Heute ist die Tochter zweier DDR-Berufsschauspieler dankbar, anderen Auftrittsmöglichkeiten eröffnen zu können. Stellt im Kindertheater die Angebotsvielfalt schon eine Herausforderung dar, ist Nadia Panknin beim Abendprogramm ständig auf der Suche nach passenden Künstlern.

Kabarett, Chansons, kleine Revuetheater: Feste Kriterien für eine gute Darbietung zu benennen, fällt ihr trotz aller Erfahrung schwer. „Letztlich muss man sich jedes Programm einzeln ansehen. Und natürlich ist die Auswahl subjektiv“, sagt sie. Nicht alles ist machbar. „Natürlich hätte ich gern Martin Wuttke hier. Aber unsere Bühne ist drei mal vier Meter groß.“ Klezmermusik dagegen, die sie liebt, holt sie mit der international tourenden Band „Aufwind“ an diesem Sonnabend (21. Februar) ins Charlottchen. Ihre Mutter, heute Charlottenburgerin wie sie selbst, freut sich viel mehr über die wiederkehrenden Auftritte der Chansonschule Berlin.

Ein festes Stammpublikum gibt es beim „Tatort“-Gucken auf der Großleinwand immer sonntags sowie bei Fußball-Übertragungen der Bundesliga oder von anderen Wettkämpfen. Der Seitenraum kann für private Feiern oder Firmenveranstaltungen gemietet werden. „Die Kunst ist“, sagt Nadia Panknin, „das so auszuloten, dass der Raum gut genutzt ist und dabei niemand zu kurz kommt.“

Alle neuen Aufführungen anzusehen, das schafft sie selbst nicht. Mit ihrer Kollegin kümmert sie sich um Organisatorisches wie Kartenverkauf und Bestuhlung. Brauchen die Künstler Hilfe, bedienen sie auch mal Technik oder Vorhang. Fehlt jemand im Restaurantbereich, wo sich die Gäste vor oder nach einer Vorstellung gern noch Wirsingröllchen mit Kartoffelkloß oder Kalbsgulasch gönnen, dann hilft Panknin dort aus. „Wir sind hier wie eine große Familie“, sagt sie. Und schließlich: Auch das alles hat sie ja einmal gelernt.