Ausflugs-Tipp

Das Dorf am Richardplatz

Vom Trubel der Karl-Marx-Straße in die historische Idylle von Neukölln

Bis 1912 war die Gegend hier das Dorf Rixdorf, 1360 wurde es als Richardsdorp“ erstmals erwähnt. Entstanden ist es am und um den Richardplatz. Für einen Spaziergang durch das alte Zentrum von Neukölln ist auch der Winter eine gute Jahreszeit. Zentraler Startpunkt ist das Rathaus Neukölln mit dem gleichnamigen U-Bahnhof. Das Rathaus wurde vor 100 Jahren nach Plänen des Architekten Reinhold Kiehls erbaut. Weithin sichtbar ist der 68 Meter hohe Turm, auf dessen Spitze sich noch eine mehr als zwei Meter hohe Kupferstatue der Glückgöttin Fortuna des Bildhauers Josef Rauch erhebt. Der 1993 auf dem Vorplatz aufgestellte Brunnen besteht aus verschiedenen älteren Brunnenanlagen und wurde von tschechischen Bildhauern und Steinmetzen aus Ústí nad Orlicí, einer der Partnerstädte Neuköllns, gestaltet.

Die Karl-Marx-Straße gehört zu den wichtigsten Verkehrsadern des Bezirks, auch wenn Bauarbeiten sie in Teilen derzeit zur Einbahnstraße machen. Als Einkaufsstraße hat sie sich durch neue Shoppingcenter in den letzten Jahren gemausert, so dass man den Spaziergang mit einem kleinen Schaufensterbummel verbinden kann. Ein Stück Richtung Süden geht die Ganghoferstraße ab. Dort wurde der Platz der Stadt Hof im letzten Frühjahr in „Alfred-Scholz-Platz“ umbenannt und die Durchfahrt von der Karl-Marx-Straße aus dicht gemacht. Dafür könnte man dort die erste Kaffeepause einlegen. Mit der Rixbox gibt es einen trendigen Café-Streetfood-Container, der auch im Winter Tische und Stühle rausstellt. In der Ganghoferstraße befindet sich mit dem Stadtbad Neukölln ein architektonisches Kleinod. 1914, und damit fast zeitgleich wie das Rathaus eröffnet, hat es auch den selben Architekten. Kiehl ließ sich dafür von griechisch-römischen Thermenanlagen inspirieren.

Kopfsteinpflaster und Mietshäuser

Wir biegen in die Richardstraße ab, Kopfsteinpflaster, Mietshäuser, kleine Läden und, je weiter man nach Süden läuft, desto niedriger werden die Gebäude. Kurzum: Wir nähern uns dem Ortskern des ehemaligen Rixdorf. Auf dem Grundstück Nummer 97 befindet sich das Gemeindehaus der Bethlehemsgemeinde, 1835 als Schul- und Bethaus eingeweiht.

Ein Stück weiter biegt links die Kirchgasse ab. Dort steht ein Denkmal von Friedrich Wilhelm I., der Glaubensflüchtlinge aus Böhmen in Rixdorf siedeln ließ. Die ersten neuen Bewohner von Rixdorf trafen im März 1737 ein. In diesem Jahr wurde Rixdorf auch in Deutsch- und Böhmisch-Rixdorf geteilt. Die Kirchgasse führt an den drei ehemaligen böhmischen Kirchengemeinden im heutigen Böhmischen Dorf vorbei. Wenige Meter weiter die Richardstraße entlang, drücken wir am Lattenzaun des Grundstücks Nummer 35 auf die Klingel. Die Tür öffnet sich zum Comenius-Garten, einer entzückenden öffentlich zugänglichen Gartenanlage.

Am Richardplatz liegen die Wurzeln des Bezirks. Die alte Dorfschmiede steht noch. An der Ostseite steht die Bethlehemskirche. Diesen Namen trägt sie seit 1912. Zuvor und auch heute noch bekannt ist sie als Rixdorfer Dorfkirche. Im Westen führt die Kirchhofstraße vorbei am Böhmischen Gottesacker, einem 1751 angelegten Friedhof für die evangelischen Aussiedler aus Böhmen. Wir folgen der kleinen Straße bis zum Ende, biegen links in die Karl-Marx-Straße ab und anschließend auf der anderen Straßenseite in die Schierker Straße. Sie führt zum Körnerpark, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Mit Freitreppen, Arkaden und einem Fontänenbecken gleicht er einem kleinen Schlosspark. In der neobarocken Orangerie hat die Galerie im Körnerpark ihren Sitz.

Ein Grünstreifen führt vom Park nörlich entlang der Rübelandstraße zu weiteren kleinen grünen Oasen: der Thomashöhe und der Lessinghöhe, zwei Erhebungen auf dem Neuköllner Rollberg, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Schuttberge entstanden sind. An der Kienitzer Straße biegen wir rechts ab, nähern uns wieder der urbanen Hektik der Karl-Marx-Straße, die uns in Richtung Norden wieder zu unserem Ausgangspunkt führt.