Berliner Perlen

Gouvernante und Rockstar in einer Tüte

Sönke Baumeister verkauft in seinem Geschäft 300 Sorten Lakritz. Mal schmeckt sie süß, mal nach Senf, gelegentlich sogar nach Zahnpasta – und die Namen sind auch ungewöhnlich

Die Uhlandstraße riecht an der Ecke Berliner Straße höchstens nach Autos. Aber öffnet man die Glastür zum kleinen Ladengeschäft mit der Hausnummer 98 strömt für einen Moment eine süßlich-würzige Duftwolke auf die Straße. Am Vormittag ist der einladende Geruch am stärksten. Dann, wenn Sönke Baumeister die 120 Bonbongläser aufschraubt, in denen Lakritzsorten aus aller Welt angeboten werden. Wobei – aus aller Welt ist schon übertrieben. Schließlich sind die Lakritzländer überschaubar. Die Niederlande und Skandinavien sind es vor allem, dazu England , Belgien und die Küstenregion Frankreichs.

Aber schon in Deutschland scheiden sich die Geister. „Entweder mögen die Menschen Lakritz oder nicht, etwas dazwischen gibt es nicht“, so einfach sieht Baumeister das. Klar, zu welcher Fraktion er gehört. Schließlich kommt er aus Schleswig-Holstein, genaugenommen aus Neumünster. Dort wo Lakritz so gern gegessen wird wie andernorts Schokolade. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsdeutscher verzehrt im Jahr knapp zehn Kilo Schokolade, aber nur 200 Gramm Lakritz. Baumeister spricht von einem „Lakritz-Gürtel“, in etwa vergleichbar mit dem Weißwurst-Äquator, nur dass der Lakritz-Gürtel einen ganz anderen geografischen Verlauf nimmt. Vom Rheinland über das Emsland bis nach Schleswig-Holstein zieht er sich von West nach Nord.

Online-Geschäft für Exilanten

Warum dann ein Geschäft in Berlin, also in der Diaspora? Baumeister wehrt ab. Zum einen seien die Berliner kulinarisch durchaus entdeckerfreudig, zum anderen gebe es in Berlin jede Menge Exilanten. Menschen, die es aus einschlägigen Lakritzregionen hierher verschlagen habe. Mitunter ziehen die dann auch wieder weg, manchmal gar nach Süddeutschland, also lakritzmäßig in feindliches Gebiet. Schließlich wird die schwarze Süßigkeit dort als „Bärendreck“ verunglimpft. Für die verstreuten Lakritzliebhaber betreibt der 53-Jährige auch einen Online-Shop.

Etwa 300 Lakritz-Produkte bietet Baumeister an, die er alle selbst getestet hat, bevor sie in seinem Sortiment landen. Rechts in den Gläsern sind die süßen, links die salzigen Sorten. Lakritz mit Himbeere, Erdbeere, Minze, Thymian, Honig, Cola, Zimt oder Ingwer. Manche Sorten zuckerfrei, manche mit einem so großen Salmiak-Anteil, dass ein Warnhinweis angebracht werden muss: „Erwachsenenlakritz – kein Kinderlakritz“. Und viele mit Namen, die das Probieren noch spannender machen: Rockstar, Zauberstäbe, Dicke Backe, Alte Gouvernante, Rosa Dickschädel. Kunden können sich ihre Wunschtüte nach Belieben zusammenstellen. 100 Gramm für 1,55 Euro, bei Premiumsorten 2,20 Euro.

„Obwohl ich mehr Süßes anbiete, verkaufe ich zu zwei Dritteln Salziges“, erklärt Baumeister. Gemischt werde selten. Entweder man zählt zu süßen oder zu den salzigen Typen.

Er selbst gehört zu letzteren. Nur als Kleinkind war das anders. Dass er da überhaupt schon Lakritz mochte, ist ungewöhnlich genug – nur nicht für ihn: „Ich komme aus einer echten Lakritzfamilie.“ Schokolade gab es zu Hause kaum. Noch als er in Hessen studiert hat, auch so ein Niemandsland in Sachen Lakritz, habe ihm seine Mutter mit Lakritz-Päckchen das Überleben gesichert. Heute fordert die 87-Jährige umgekehrt eine regelmäßige Lakritzzufuhr und lässt sich auch über ungewöhnliche Produkte informieren: Marzipan, Marmelade, Wodka, Senf, sogar Zahnpasta mit Lakritz führt Baumeister. Inzwischen raspeln selbst innovative Köche Süßholz, daher gibt es bei ihm auch Süßholzstängel, ganz oder gemahlen, und das entsprechende Kochbuch.

Großer Suchtfaktor

Sönke Baumeister hat lange im Außenhandel gearbeitet, vor allem im Bereich Süßigkeiten. Und irgendwann hatte er die Idee, einen eigenen Laden aufzumachen. Mit Lakritz, was sonst? Als Kaufmann hat er zunächst Marktforschung betrieben, ob Berlin überhaupt genug Lakritzkunden hat. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur in Kreuzberg ein entsprechendes Geschäft. Aber um die Ecke, auf dem Markt am Maybachufer war trotzdem immer viel Betrieb vor dem Lakritzstand eines Holländers. Baumeister kombinierte: „Wenn es hier so eine lange Schlange gibt, dann ist Bedarf da.“

Der Schluss war offenbar richtig, denn sein Geschäft, das er 2011 eröffnet hat, läuft. Er hat viele Stammkunden und die kommen vor allem Freitag und Montag. „Man braucht die Ration fürs Wochenende und Montag ist alles schon wieder weg“, sagt Baumeister. Neulich hat er auf der Straße einen Vater mit seinem Sohn getroffen, Stammkunden von ihm. Der Sohn hat auf ihn gezeigt und zum Vater gesagt: „Da ist ja unser Lakritz-Dealer.“ Der Ladeninhaber hat das als Kompliment gesehen. Er weiß, wie groß der Suchtfaktor von Lakritz ist.

Lakritz! Schwarzes Gold Uhlandstraße 98, Wilmersdorf, Tel. 60 95 85 70, Mo.–Fr. 10.30 –18.30 Uhr, Sbd. 10.30–14.30 Uhr, www.schwarzes-gold-lakritz.de