Kulturmacher

Miss Marple ermittelt

Buchhändlerin Cornelia Hüppe taufte ihren Krimi-Laden in Charlottenburg nach der britischen Hobbydetektivin. Lesungen in dem kleinen Geschäft sind der Geheimtipp bei Kennern des Genres

Kaum ein literarisches Genre hat in den vergangenen Jahren so sehr an Popularität gewonnen wie der Krimi. Längst gibt es drei Fachbuchhandlungen quer über die Stadt verteilt. In der Krimibuchhandlung „Miss Marple“ nahe des Charlottenburger Karl-August-Platzes bleiben auch nach Ladenschluss immer öfter die Lichter an. Dann finden Lesungen statt. Mit großem Erfolg.

„Die Karten für die Buchpremiere von Elisabeth Herrmanns neuem Krimi ,Der Schneegänger’ waren schneller weg als bei einem Rolling-Stones-Konzert“, sagt Inhaberin Cornelia Hüppe. Die Kunden würden der stets bestens aufgelegten 50-Jährigen sofort den Titel der charmantesten Buchhändlerin Berlins verleihen. Auch Autoren und Verlage schätzen sie. Die gehen nämlich immer häufiger mit ihren Lesungen in die etablierte Krimibuchhandlung mit gerade mal 50 Plätzen, statt große Events daraus zu machen. „Die Autoren sind oft aufgeregt, wenn sie hier lesen, weil sie wissen, dass meine Kunden absolute Krimikenner sind“, erzählt Cornelia Hüppe. „Die Nähe zwischen Schriftstellern und Lesern ist hier groß. Dadurch fällt es den Kunden leicht, Autoren nach der Veranstaltung bei einem Glas Wein anzusprechen. Das ist etwas besonderes und muss gepflegt werden. Ich bin froh, dass die Verlage darauf eingehen.“

Seit vergangenem September veranstaltet sie einmal im Monat auch im Hotel Kempinski Lesungen in der Bristol Bar mit ihrem schönen britischen Flair. „Dort haben wir wesentlich mehr Platz, was ausgesprochen gut angenommen wird“, erklärt Cornelia Hüppe. Dass sie eine Expertin für stimmungsvolle Krimilesungen ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Gerade erst hat sie im Penthouse des H-Otellos in der Knesebeckstraße eine Weihnachtslesung veranstaltet. Für 2015 plant sie monatlich Lesungen in Brandenburg. „Langsam entwickelt sich ,Miss Marple’ zu einer Agentur für Lesungen“, witzelt Cornelia Hüppe deshalb. Dabei hatte sie bei der Eröffnung ihres Buchladens gar nicht an Veranstaltungen gedacht.

Sehnsucht nach eigenem Laden

In Verden bei Bremen 1964 geboren, hat Cornelia Hüppe nach dem Abitur zwar erst mal eine Lehre als Buchhändlerin, studierte dann aber Betriebswirtschaftslehre in Passau. Als sie 1990 nach Berlin kam, arbeitete sie zunächst als Ausbilderin im Berufsbildungswerk in Potsdam. Doch die Bücher ließen sie nicht los. „Ich hatte immer Sehnsucht danach. Also habe ich 2002 beschlossen, mir den Traum von der eigenen Buchhandlung zu erfüllen“, gesteht sie. Sie kündigte ihren Job im September und war bereits zwei Monate später stolze Inhaberin von „Miss Marple“. Kurz darauf fragte ein Schauspieler-Ehepaar, Annette Daugard und Uwe Neumann, aus der Nachbarschaft an, ob sie auch Lesungen machen will. Cornelia Hüppe wollte.

Mit den Schauspielern organisierte sie Stühle aus der Kneipe um die Ecke und lud Freunde ein. „Die zwei Euro Eintritt waren die magere Gage für die Künstler“, erinnert sie sich lachend. Da bei den schnell gut frequentierten szenischen Lesungen stets der gesamte Krimi vorgestellt und damit das Ende verraten wurde, verkaufte Cornelia Hüppe allerdings nie Bücher. Daher verlegte sie sich kurzerhand vor allem auf Autorenlesungen. Der Anfang war jedoch zuweilen holprig. Noch neu im Metier, gab Hüppe etwa einem unbekannten Autor eine Chance, der statt zu lesen drei Stunden über Richard Wagner referierte. „Mit lautstarken Musikeinlagen. Meine Kunden waren unglaublich diszipliniert und sind alle dageblieben“, staunt Cornelia Hüppe rückblickend. Heute würde sie Lesungen, die zu entgleisen drohen, einfach abbrechen.

Zuhörer zwischen 15 und 80 Jahren

Trotz ihrer eher kleinen Räumlichkeiten wurde sie bald schon von großen Publikumsverlagen angesprochen. Davon ermutigt, wagte sie sich an Berühmtheiten und große, auch internationale Namen heran. So las Schauspieler Heiko Deutschmann den deutschen Part bei einer Veranstaltung mit dem britischen Krimistar Tarquin Hall. Eine Lesung mit hohem Entertainment-Faktor. Ganz nach dem Geschmack von Cornelia Hüppe. Sie weiß: „Man muss den Zuschauern etwas bieten. Die Leute wollen unterhalten werden.“

Ihre Stammkunden sind regelrecht abonniert auf die Lesungen. Viele kennen sich mittlerweile untereinander. „Die gehen nach der Lesung an die Regale und empfehlen sich gegenseitig Bücher. Für sie ist ,Miss Marple’, genau wie für mich, das zweite Wohnzimmer“, sagt Cornelia Hüppe. Dazu passt es auch, dass Eltern zu den Lesungen ihre Kinder mitbringen. Die geneigte Zuhörerschaft ist zwischen 15 und 80 Jahre alt. Manche kommen von weiter her, die meisten wohnen um die Ecke. Schließlich ist die Buchhandlung Teil eines sehr lebendigen Kiezes mit kleinen Geschäften und Lokalen.

Cornelia Hüppe lebt selbst nur einige Gehminuten von ihrem Laden entfernt. Sie mag die Gegend: „Hier ist alles angenehm normal, nicht so abhoben. Es gibt auch zwei Mal wöchentlich den Markt auf dem Karl-August-Platz. Der ist Gold wert. Vor allem am Sonnabend. Dann schauen Kunden aus der ganzen Stadt bei mir vorbei. Darunter auch viele, die am Vorabend zur Lesung hier waren. Die bedanken sich dann für eine tolle, schöne Veranstaltung.“ Zuspruch, der ihr gut tut: „Veranstaltungen zu organisieren ist sehr stressig. Außerdem habe ich jedes Mal Lampenfieber, weil ich nicht weiß, wie der Autor an dem Abend drauf sein wird. Doch für diesen Dank lohnt sich jede Lesung!“

Krimibuchhandlung Miss Marple Weimarer Str. 17, Charlottenburg, Tel. 36 41 27 24, Mo.-Fr. 10-19 Uhr, Sbd. 10–15 Uhr, www.krimi-marple.de