Kulturmacher

Von Menschen und Masken

Seit 1987 leiten Wolfgang Stüßel und seine Kollegen das Theater Strahl in Schöneberg. Sie machen Aufführungen für ein Publikum, das immer unberechenbar ist: Jugendliche

Läuft alles gut bei einer Aufführung im Theater Strahl, dann reißt die Story das Publikum von den Sitzen. Die Zielgruppe des Hauses ist schließlich für ihre Begeisterungsfähigkeit berühmt: Teenager ab zwölf Jahren. Eigentlich – wissen Theatermacher – ist es leichter, einen Sack Flöhe zu hüten, als Jugendliche dazu zu bringen, sich auf eine Bühnenvorstellung zu konzentrieren. Doch im Theater Strahl bietet man Themen, die fesseln. Das reicht von Mobbing und unglücklicher Liebe bis zu Sehgewohnheiten im Internetzeitalter.

Das Haus ist mit seinen Inszenierungen immer hautnah dran am Geist der Gegenwart. Gibt es dafür den wohlverdienten Applaus, ist Theaterleiter Wolfgang Stüßel zufrieden. Denn er weiß: „Um dieses Publikum muss man hart kämpfen. Man sollte gute Anreize schaffen, um Jugendliche anzuziehen.“

Dem gebürtigen Ostwestfalen, Jahrgang 1955, wurde das Theater indes in seiner Jugend erst einmal gründlich vermiest. Er musste als Schüler eine dreistündige Aufführung von Schillers „Die Räuber“ über sich ergehen lassen. „Das hat mich so gelangweilt, dass ich nie wieder ins Theater wollte“, erinnert sich der Theaterleiter und lacht.

Stüßel hatte früh Ferienfreizeiten betreut und war in der Jugendarbeit aktiv. Folgerichtig ging er Mitte der 70er-Jahre nach Bielefeld, um Sozialpädagogik zu studieren. Doch dann sollte ausgerechnet in seiner Heimatstadt Bünde die Aufführung des Stücks „Was heißt’n hier Liebe?“ vom damals legendären Berliner Kinder- und Jugendtheater Rote Grütze verboten werden. Es folgten Proteste. Damit hatte das Theater plötzlich Stüßels geballte Aufmerksamkeit: „Ich war beeindruckt davon, was für eine intensive Auseinandersetzung da auf einmal durch das Theater stattfand. Auch bei den Jugendlichen. Davor war für mich Sport das Mittel gewesen, um diese Altersgruppe zu erreichen.“

Beim Friedensworkshop

Das neu erwachte Interesse wurde verstärkt, als Stüßel bei einem Friedensworkshop nur noch einen Platz im Schauspielkurs bekam. Dort erkannte er nicht nur, dass er Theater machen wollte. Er lernte auch Gila Schmitt kennen. Sie holte Stüßel 1987 zur Gründung des Hauses in Berlin hinzu. Heute ist sie die stellvertretende Theaterleiterin.

Das Theater bot die Gelegenheit, sich ganz auf das Thema Jugendtheater zu konzentrieren. „Wir haben schnell festgestellt, dass es zwar viel Kindertheater gibt, aber wenig in der Altersgruppe ab zwölf Jahren, weil die als besonders schwierig gilt. Auch finanziell. Da gehen die Erwachsenen als treibende Kraft nicht mehr mit zu Vorstellungen“, sagt Stüßel.

Heute ist die Spezialisierung das Alleinstellungsmerkmal des Theaters. Mehr noch. Stüßel und sein Team sind längst begehrte Experten ins Sachen Jugendtheater. Nicht nur von Schulen werden sie vielfach angefragt, auch von großen Theatern, die selbst Jugendtheatergruppen haben, weil es politisch mittlerweile gewollt ist. Stüßel begrüßt diese Entwicklung natürlich sehr: „Kinder- und Jugendarbeit hat keine Lobby. Da wird meist zuerst gekürzt, obwohl der Bedarf riesengroß ist.“

Theaterprojekte mit Jugendlichen haben ihm zufolge eine größere Öffentlichkeit: „Weil die Politik dahinter steht. ‚Kulturelle Bildungsarbeit‘, heißt das heute. Wir machen das allerdings schon seit unserer Gründung.“ Doch ohne Subventionen geht dabei gar nichts. Die Eintrittspreise müssen vergleichsweise niedrig sein, damit sich jeder einen Theaterbesuch leisten kann. Dennoch hat das Theater Strahl die gleichen Strukturkosten wie andere Häuser auch. Von den Schauspielern bis zu den Büros. Um mit wenig Geld viel zu erreichen, braucht man Leidenschaft und Engagement. So wie alle beim Theater Strahl. Schließlich gilt es, immer neue Bühnenstoffe nah am Publikum zu entwickeln.

Meist wird diskutiert

Für die Recherche gehen die Autoren auch in Schulklassen oder interviewen Jugendliche. Daraus entstehen dann intensive Aufführungen wie etwa „Främmt“, ein Stück über Fremdsein, Ausgrenzung, Flüchtlingsproblematik und Freundschaft, mit vielen Denkanstößen zu den Themen Asylanten und Ausländer. Nach den Vorstellungen wird meist diskutiert.

Mit seiner Bühnenarbeit hat das Theater Strahl viel geleistet. Eines ist Stüßel und seinem Team allerdings bislang verwehrt geblieben: ein eigenes Haus. Bislang spielt das Theater an fünf unterschiedlichen Orten. Hinzu kommen vier über die ganze Stadt verteilte Werkstätten.

Stammhaus ist die Weiße Rose in Schöneberg. „Zentral und optimal angebunden, ein toller Ort mit Open Air im Garten und kleinen Räumen für Workshops“, sagt Stüßel. „Doch weil wir so viel machen, platzen wir aus allen Nähten.“ Zumal alle Spielorte mit anderen Künstlern geteilt werden müssen. Deshalb träumt der Theaterleiter von einer Bündelung aller Aktivitäten an einem Standort am Ostkreuz. Die Pläne sind fertig. Allein, es fehlen vier Millionen Euro zur Finanzierung. „Wenn wir alle anderen Spielorte aufgeben könnten, würden wir sehr viel Energie sparen, die wir in unsere Arbeit stecken könnten“, sagt Stüßel.

Privat ist er eng mit Schöneberg verbunden. Stüßel wohnt am Bülowbogen. Sein persönlicher Mittelpunkt ist der Akazienkiez bis hinauf zum Winterfeldtplatz. Für ihn hat die Gegend in den vergangenen Jahren mit vielen kleinen Läden und Cafés an Attraktivität gewonnen. Einziger Wermutstropfen für den Theaterleiter: „Schöneberg braucht mehr Kulturstandorte. Da gibt es nicht mehr viel.“

Theater Strahl Martin-Luther-Straße 77, Schöneberg, Tel. 69 59 92 22, Infos und Veranstaltungstermine unter www.theater-strahl.de