Drama

Das Leben kann schon komisch sein

39 Szenen und ein ganzes Universum: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“

Wie viele Künstler gibt es im Kino, bei deren Filmen man nach einer Minute bereits mit Sicherheit sagen kann, von wem sie stammen, weil alles einzigartig ist, der Stil, die Figuren, die Weltsicht? Fellini war ein solcher, auch Tati und Ozu. Und heute? Woody Allen vielleicht und Quentin Tarantino und Hayao Miyazaki und Wong Kar-wai und Pedro Almodóvar. Und der 71-jährige Schwede Roy Andersson. Definitiv Roy Andersson. Vielleicht mehr als alle anderen.

Ein Mann älteren Semesters im Wohnzimmer. Durch eine Tür sieht man in der Küche seine Gattin kochen, sie wendet ihm den Rücken zu. Der Mann macht sich daran, für das Mahl eine Flasche Wein zu öffnen. Zieht am Korken. Nichts rührt sich. Klemmt die Flasche zwischen die Knie. Zerrt mit neuer Kraftanstrengung. Der Korken sitzt weiter fest. Aber der Mann greift sich nun ans Herz. Knickt in den Knien ein. Fällt auf den Boden. Rührt sich nicht mehr. Seine Frau werkelt weiter am Herd. Sie hat nichts bemerkt.

Dies ist eine der ersten Szenen in „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, Roy Anderssons neustem Werk, seinem erst fünften Langfilm seit 1970. Es fällt kein Wort. Bei Andersson wird nie viel geredet. Die Szene ist tragisch. Sie ist aber irgendwie auch komisch. Beckett hätte sie gefallen. Es ist eine von 39 Szenen. Von dem Ehepaar erfahren wir nichts weiter. Die meisten Personen haben ihre eine Szene und tauchen danach nicht wieder auf. Eine dicke Tangolehrerin befummelt ihren jungen Schüler. Ein Vorstandsvorsitzender hält sich beim Telefonieren eine Pistole an die Schläfe.

Anderssons Menschen haben keine Vor- und keine Nachgeschichte. Wir treffen sie nur für ein paar Minuten ihres Lebens, die wichtig sein können, aber auch banal. Die Sehnsucht der Tangolehrerin wird wohl unerfüllt bleiben. Aber wird der Industrielle abdrücken? Und was bedeutet sein Irrtum für den jungen Mann?

Andersson beendet seine Szenen, bevor sich Geschichten aus ihnen entwickeln können. Ihm ist dieser eine Moment im Alltag wichtig, der von Mitgefühl oder Kälte spricht, von Hilfsbereitschaft oder Niedertracht, von Begehrlichkeit oder Ablehnung.

Auf dem Gemälde „Die Jäger im Schnee“ – Andersson hängt es als Zitat in einer Szene an die Wand – zeigt der Renaissance-Maler Pieter Bruegel d. Ä. eine Schneelandschaft. Dörfler eislaufend auf einem See, Jäger und ihre Hunde kehren von der Jagd zurück.

Und über ihnen sitzen vier Vögel auf kahlen Ästen und schauen auf die geschäftigen Menschen herab und fragen sich, was die wohl treiben. Andersson und wir Zuschauer, wir sind bei diesem Film die Vögel.

Jede Szene ist ein Gemälde für sich, sorgfältigst komponiert und mit starrem Rahmen. Die Kamera zoomt nicht, schwenkt nicht, fährt nicht. Nur die Figuren bewegen sich in der Totalen, und das auch nicht besonders viel, wenn auch schon viel mehr als in „Songs from the Second Floor“ und „Das jüngste Gewitter“, den ersten beiden Filmen von Anderssons „Trilogie über das menschliche Wesen“.

Es gibt diesmal tatsächlich so etwas wie einen roten Faden, und zwar Sam und Jonathan, Handlungsreisende in Sachen Scherzartikel. Sie vertreiben Vampirzähne und Lachsäcke und sind mit ihren Leichenbittermienen spektakulär unerfolgreich. Sie haben es allerdings auch nicht leicht in Anderssons Universum der Einsamen, Enttäuschten und Erniedrigten.

Es gibt Trost in der Traurigkeit, sagt uns Roy Andersson, und Schönheit im Schrecklichen. Die Szene, mit der seine „Taube“, einen der wertvollsten Preise der Kinowelt gewonnen hat, den Goldenen Löwen zu Venedig, wird niemand vergessen, der sie gesehen hat.

Darin treiben britische Kolonialsoldaten schwarze Sklaven in einen riesigen Kupferzylinder, aus dessen Wand geschwungene Trompetenmündungen ragen und der wie ein Laufrad aufgehängt ist. Dann zünden sie Öl unter dem Zylinder an, der sich erhitzt und von den Eingeschlossenen in Bewegung versetzt wird. Ihre verzweifelten Schreie, die durch die Trompeten nach außen dringen, wirken wie eine seltsam schöne Musik. Schönheit und Horror, das ist bei Roy Andersson eben das Leben.

Drama: S/D/N/F 2014, 100 min., von Roy Andersson, mit Nils Westblom, Holger Andersson

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