Drama

Gefangene Seele

Ein privater Blick auf das Leben des Astrophysikers Stephen Hawking: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“

Hier der hochfliegende Geist, der keine Grenzen kennt. Dort der brüchige Körper, der an den Rollstuhl gefesselt ist und inzwischen nur noch mit einem einzigen Augenmuskel kommunizieren kann. Der enorme Widerspruch im Leben des Astrophysikers Stephen Hawking hat das Kino immer wieder inspiriert, zu Dokumentar- und Spielfilmen gleichermaßen. In seiner Dokumentation „A Brief History of Time“ hat sich Errol Morris 1991 ganz auf den brillanten Geist konzentriert. Dagegen widmet sich James Marsh, der bisher vor allem durch grandiose Dokumentationen wie „Man on a Wire“ und durch den beeindruckenden IRA-Thriller „Shadow Dancer“ aufgefallen ist, jetzt in erster Linie der menschlichen Seele, die im Gefängnis dieses Körpers gefangen ist.

Es beginnt mit einer relativ unbeschwerten Jugend auf dem College und mit einer Amour Fou zwischen einer jungen, schönen Studentin (Felicity Jones) und einem linkisch scheuen Studenten (Eddie Redmayne) mit dicker Brille, der unter den Professoren als Genie gilt. Doch dann versagen eines Tages auf dem Campus auf unerklärliche Weise die Beine von Stephen Hawking, die anschließende Diagnose lautet ALS, eine degenerative Krankheit des motorischen Nervensystems. Obwohl ihm die Ärzte nur noch zwei weitere Jahre Lebenszeit geben, bleibt Jane an seiner Seite. Wie sie gemeinsam dem Handicap trotzen, hat Jane Hawking in ihren Erinnerungen „Die Liebe hat elf Dimensionen: Mein Leben mit Stephen Hawking“ erzählt, an denen sich nun auch James Marsh orientiert hat.

Leider inszeniert der Regisseur die Geschichte dieses Triumphes über den versehrten Körper erstaunlich uninspiriert, geradezu bieder. Er konzentriert sich so sehr auf die Gebrechlichkeit des Körpers, dass er keine Bilder für die Verführungskraft eines brillanten Verstandes findet und auch keine wissenschaftlichen Geistesblitze zünden kann. Das größte Manko aber ist, dass er die Amour Fou nicht wirklich vermitteln kann, dass zwischen Felicity Jones und Eddie Redmayne keine Funken fliegen, die plausibel machen könnten, was eine energische, charmante, sprühende, junge Frau dazu bewegt haben mag, sich auf einen so gehemmten, versehrten Mann einzulassen. Die Chancen, die der Regisseur verspielt, nutzt dafür umso stärker der Schauspieler, der Stephen Hawking über den Zeitraum von rund 20 Jahren spielt. Der Brite Eddie Redmayne, der schon in „Les Misérables“ und „My Week with Marilyn“ mit einem bezaubernd linkischem Charme aufgefallen ist, macht den Film dann doch zur Sensation. Er spielt die Seelennot und das Gedankenglück des weltberühmten Astrophysikers und Bestsellerautors („Eine kurze Geschichte der Zeit“) sehr viel hingebungsvoller und wagemutiger als Benedict Cumberbatch vor zehn Jahren in dem Fernsehfilm „Hawking – Die Suche nach dem Anfang der Zeit“. In seiner rückhaltlosen Hingabe an die Darstellung physischer und psychischer Gebrechen hat Redmayne einigen Oscar-Buzz auf sich gezogen.

Dafür hat er ausführlich recherchiert, hat viele ALS-Patienten getroffen, um sich einen Eindruck über die sehr unterschiedlichen Verlaufsformen der Krankheit zu verschaffen. Anschließend hat er zusammen mit einem Spezialisten die Jugendfotos von Hawking studiert, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sie sich bei ihm entwickelt haben muss. Darüber hinaus konnte er sich in den ersten Wochen der Dreharbeiten auch noch auf die Beratung von Hawkings Exfrau Jane stützen, die ihm half, die Bewegungsmotorik fein auszutarieren und die Nuancen der Kommunikation richtig zu erfassen. Mit besonderer Sorgfalt hat sich Redmayne dem Anflug jenes zauberhaften Lächelns gewidmet, das vielleicht Hawkings wirksamste Waffe gegen die Widrigkeiten seiner Existenz ist.

Und schließlich stellte der Physiker sogar seine eigene „Hawking Stimme“, für die er das Copyright hat, zur Verfügung, um der Darstellung den letzten, authentischen Schliff zu geben. So gelingt es vielleicht zum ersten Mal, die Seele sichtbar zu machen, die im kaputten Körper gefangen ist, die Willenskraft, den spitzbübischen Humor und das entwaffnende Lächeln, mit dem Hawking sehr viel später auch die Krankenschwester betörte, die seine zweite Frau wurde.

Drama: USA 2014, 123 min., von James Marsh, mit Eddie Redmayne, Felicity Jones, Charlie Cox

++++-