Stadt-Runde

Bayerisches Viertel: Ort der Harmonie und der Zerstörung

Der Bayerische Platz macht schon etwas her.

Er zählt mit den sieben Straßen, die ihn kreuzen und auf ihn zulaufen (Grunewaldstraße, Salzburger Straße, Innsbrucker Straße, Meraner Straße, Aschaffenburger Straße, Landshuter Straße und Westarpstraße) zu den verkehrsreichen aber wegen seiner Anlage äußerst spektakulären Plätzen der Stadt. Eine Blickachse beispielsweise geht zum Rathaus Schöneberg. 1908 wurde dieser Platz nach Plänen von Fritz Enke als Schmuckplatz mit Grünflächen, Bäumen, Hecken und hölzernen Bänken gestaltet. Die Randbebauung entstand zwischen 1900 und 1914, ganz im Stil der späten Gründerzeit.

Die Bombardements und Feuerstürme des Zweiten Weltkriegs verwüsteten die Grünanlage des Platzes und zerstörten große Teile der Randbebauung. Im Februar 1945 trafen drei Bomben den U-Bahnhof, gerade als dort zwei Züge hielten. 63Menschen kamen dabei ums Leben.

Heute ist dieser U-Bahnhof eine sehenswerte architektonische Besonderheit, ein Blickfang als modernes Verkehrsgebäude mit Aussichtscafé auf dem Terrassendeck im Obergeschoss. Neben Kaffee und Kuchen gibt es dort auch einen Einblick in die Geschichte des Bayerischen Viertels, etwa mit Kurzfilmen, Lebenszeugnissen und Berichten über bekannte und weniger bekannte Bewohner. Zahlreiche inhabergeführte Geschäfte laden trotz der querenden verkehrsreichen Grunewaldstraße zum Verweilen auf dem Platz ein.

Die Aschaffenburger Straße geht es in nördlicher Richtung entlang. An mehreren Laternenpfählen erinnern Schrifttafeln als „Orte des Erinnerns“ an die Ausgrenzung, Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren von 1933 bis 1945. Von der Aschaffenburger Straße aus kann man an der Fassade des Hauses Stübbenstraße7 das Wandbild „Die Illusion der 3. Generation“ von Gert Neuhaus betrachten, das der Künstler 2009 fertig gestellt hat.

Nach wenigen Metern erreicht man den Prager Platz, ein Beispiel für abwechslungsreiche Platzgestaltung der Gegenwart. Die Häuser an dem 1870 angelegten Platz wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1986 wurde der Platz in Anlehnung an die historische Struktur neu gestaltet. Unspektakulär aber grüner ist der Nikolsburger Platz, den man entlang der Trautenaustraße nach Überqueren der Bundesallee erreicht. Er ist ähnlich angelegt wie der Fasanenplatz und bildet mit dem Prager Platz ein städtebauliches Ensemle, das von Johann Anton Wilhelm von Carstenn gestaltet wurde. Besonders nett ist am Nikolsburger Platz der 1910 von Cuno von Uechtritz-Steinkirch entworfene Bronzebrunnen, der eine Gänseliesel darstellt. Der Platz spielte in Erich Kästners „Emil und die Detektive“ von 1929 eine wichtige Rolle: Dort wurde die Verfolgung des „Mannes mit dem steifen Hut“ geplant. Kästner wohnte damals am Prager Platz.